Herumhängen in Katemin
Ingeborg Harms
 

 

 

19.4.1999


 

 

Weil Dagmar schon nach zehn Minuten unruhig auf dem alten Sofa herumrutscht, überlassen wir den Flimmrich-Apparat sich selbst und begeben uns ins Freie. Was läßt sich nicht alles anstellen mit einer derart fernsehgefeiten Freundin! Wir schlendern ums Haus und leisten eine Weile den Bäckerlehrlingen Gesellschaft, die mit nacktem Oberkörper im Hof stehen und sich waschen. Ein Transistorradio spielt die Herman Hermits. Bernie tut uns den Gefallen, aus der Haut eines schlaffen Luftballons einen kleinen Fingerballon zu drehen. Man kann mit den Zähnen auf ihm herumreiben; dann hört man Musik. Mit der Lupe könnte man eine winzige Gestalt darin erkennen, die John von Düffel zum Verwechseln ähnlich sieht. Dagmar schürzt eine diskrete Augenbraue. Wir gehen zum Kolonialwarenladen nebenan, setzen uns auf die Stufen und warten auf jemanden, von dem wir ein Split schnorren können. Daggi erzählt mir, daß sie nach Amerika ziehen wird, wenn sie groß ist. Und fünf Kinder will sie haben.
Ich beschließe, ihr Tante Dola vorzustellen. Wir steigen über den Zaun und Maler Thiede droht programmgemäß mit der Faust, flucht Unverständliches in sich hinein. Dola ist, wie absehbar, zwischen Freude über den Besuch und Sorge wegen schmutziger Schuhe hin- und hergerissen. Sie lotst uns durch die Diele und wischt die Regenwasserpfütze auf der Bank am Kirschbaum ab. Als wir mit hängenden Beinen dort plaziert sind, kommt das schwarze Kätzchen zur Begrüßung. Ich drücke meine Stirn in sein geduldiges Fell und hoffe, Dagmar zu imponieren. Sie aber greift dem Tier lässig ins Genick und hebt es zu sich herüber. Es liegt ihr wie eine Stola um den Hals, als Dola mit zwei Gläsern Saft zurückkehrt. Er ist lauwarm, schmeckt mürbe und wässrig. Ich beobachte Dagmars Augenbraue; sie bleibt friedlich. Meine Oberschenkel beginnen feucht zu werden: Die Bank ist immer noch naß. Ich kann Dagmar schlecht erzählen, daß ich auch später nach Amerika gehen werde, obwohl ich das sichere Gefühl habe, daß ich das schon immer wollte. Also sage ich, daß ich, wenn ich groß bin, Wüstenforscher werden wolle. Was gibt's denn da zu forschen? fragt sie und ich stehe vorsichtshalber auf. Wir verabschieden uns, obwohl Dola verheißungsvoll von Bohnenkaffee spricht, und schlagen uns durch bis zum Postberg. An der ersten Kurve hat man einen Blick über die Elbe und in Ortruds Hintergarten. Dort sind Zelte aufgestellt. Wir bleiben stehen. Qualm steigt auf. Ortrud und Elke kommen im Laufschritt auf uns zu. Sie haben eine Decke dabei und versprechen eine Überraschung, wenn wir uns unter ihr verstecken lassen. Wir machen ihnen die Freude. Nach einer Ewigkeit, während der die beiden hektisch "Noch nicht!" rufen, reißen zwei fremde Jungen in kurzen Hosen und Pfadfinderjacken die Decke über uns weg. Daggi wird rot im Gesicht. Wahrscheinlich laufe ich auch an. Helmut und Erwin lieben euch! schreien die Mädchen und flattern mit der Decke.
Irgendwann hat Dagmar sich wieder aus dem Staub gemacht. Mein Fenster stand die Nacht über offen. Erst regnete es, dann hörte ich die Pfadfinder vorbeiziehen. Sie sangen: "Zwei kleine Italiener, die träumten von Napoli ...", und als sie auf dem Rückweg waren, hörte ich im Halbschlaf verlockend und sehr melodisch: "Heißer Sand, ein verlorenes Land ...". Vielleicht sollte ich wirklich Wüstenforscher werden.