Ein Tag, 4
Katharina Hacker
 

 

 

27.12.1999



 

 

Mittags denke ich plötzlich daran, daß gestern Nacht eine Freundin aufgewacht ist, nicht wieder eingeschlafen. Über den Hof fahren gespenstisch Kinderfahrräder, und hinter einer halbhohen Mauer höre ich die Kinder lachen, so fern, als hätten sie aus ihrem Tod den Rädern zu fahren befohlen. Im Keller stehen Umzugskisten, ein Handschuh liegt daneben im Staub, achlos Fußspuren darüber hinweg. Was, wenn man alle Handschuhe zugeschickt bekäme, die man je verloren hat? Im letzten Winter, als alles gefror, hat eine Nachbarin ihre Zimmerpflanzen in den Hof gestellt. Jetzt zündet sie manchmal in der Küche eine Kerze an und stellt sie ans Fenster, und ich frage mich, warum die Flamme so unruhig flackert, obwohl das Fenster doch geschlossen ist. Einmal werden die Schwalben und Mauersegler mitten im Winter kommen, für einen Tag. Den ganzen Tag schon beobachte ich die Schatten im Zimmer, suche lange nach einer Schere, als sollte ich Teile meines Lebens ausschneiden, und nur der große Umschlag, nichts als eine Briefmarke darauf, beruhigt mich.

Wie Papierschnipsel zerschneidet die Stille mein Gesicht. Was, wenn gerade jetzt Zeit wäre, ein Fest zu feiern, und keiner wüßte es? schreibt mir ein Freund; ich sehe seinen besorgten Blick vor mir und lache, lache, als wäre er schon unterwegs, müßte gleich kommen.

Auf der Straße geht ein Mann, anderthalb Meter groß, schwenkt eine Zeitung wie ein Segel, in der anderen Hand trägt er einen blauen Hut und mitten am Tag erschrecke ich, stelle mir vor, es wäre eine Woche vergangen, ich hätte es nicht bemerkt. Wie Papier zerschneiden die Tage das Gesicht, und es ist gut zu wissen, daß das Herz ein Muskel ist, und daß man geduldig zusehen kann, wie die blauen Flecken auf den Armen, den Beinen blaß werden, die Narben nicht zählen muß und nicht das Stolpern, die Stürze, daß letztlich nur selten ein Unglück geschieht.
Ich erinnere mich, sage ich, schlafe ein mitten am Tag, als wäre der Kopf eine Uhr, als wäre die Zeit eine Entfernung, die es zurückzulegen gilt, und nicht einmal die kürzeste zwischen zwei Punkten. Als wäre die Zeit auch jetzt noch der Weg vom Dorfrand bis zu den Drei Seen, der Weg vom Haus zur Schule, vorbei am Wasserhäuschen und durch die Unterführung hindurch, später das Warten an der Haltestelle; wir legen Münzen auf die Schienen und bangen, die Straßenbahn könnte doch einmal entgleisen, und auch den Toten legt man ein Geldstück in den Mund zur Überfahrt.

Gestern nacht ist eine Freundin aufgewacht, nicht wieder eingeschlafen, schließlich ist sie aufgestanden. Fast jede Nacht tut ein Freund kein Auge zu, liegt wach mit offenen Augen, und das Warten ist die kürzeste Strecke zwischen den äußersten Punkten, die sich langsam und unaufhörlich auseinanderdriften im All.

Morgens sitze ich da, die Finger auf der Schreibtischplatte, alle zehn Finger und blind, schreibe nichts auf, folge der Maserung des Holzes und höre im Radio sagen, der Nebel würde sich lichten. Über den Hof eilt der Briefträger, dann steht er still, hält überrascht einen Umschlag in der Hand, zuckt mit den Achseln und legt ihn vorsichtig auf den Gepäckträger meines Fahrrads. Ich gehe hinunter; ein großer Umschlag, nichts als eine Briefmarke darauf, in einer anderen Stadt gestern gestempelt und leer. Es war ein langer Tag, werde ich am Abend denken, und gestern nacht ist eine Freundin aufgewacht, hat lange geweint, ist schließlich aufgestanden, um niemanden zu stören. Als es dunkel ist, treibt der Wind den Nebel aus der Stadt, und im Hof nebenan sehe ich drei kleine Kinder in roten Jacken auf ihren Fahrrädern im Kreis fahren.