Ein Tag, 8
Katharina Hacker
 

 

 

23.8.1999


 

 

Kälteeinbruch, Passanten in sich zusammengezogen, Drahtgestelle, die der Wind biegt; im Gesträuch eine Kohlmeise, rund aufgeplustert wie ein Spielzeug. Die Annahmen widerlegt, Kälteeinbruch, der Winter wird hart, sagt die Besucherin, und daß sie jetzt geht; ich weiß nicht mehr, ob wir uns kennen und woher, doch auf dem Tisch stehen zwei Tassen, ein Schälchen Zucker, die Teekanne, und vielleicht beginnt die Verwüstung mit einem zersprungenen Glas, mit Schürfwunden, dem zerbrochenen Duschkopf oder damit, daß man sich nicht erinnert an einen Liebhaber, an sein Gesicht und nicht einmal mehr an die Stadt.
Fand einen Freund vor ein paar Tagen damit beschäftigt, die Betten zu zeichnen, die er im Verlauf der Jahre besessen hat; als ich hereinkam, hob er den Kopf, lachte verlegen, sagte, als Junge hätte er seiner Großmutter versprochen, niemals auf nacktem Fußboden zu schlafen, hätte mehrmals dieses Versprechen gebrochen, daß er nichts mehr versprechen koenne seither, fügte er hinzu, und wie hinderlich das sei. Schließlich ging ich alleine ins Kino, der Saal war fast leer, als wir herauskamen, saß der Kartenabreisser in einem Sessel und schlief.
Gestern ein Briefumschlag; fast bin ich fertig, es geht mir gut, schreibt er, und daß seine Großmutter hartnäckig behauptet hätte, Loeffel besitze man nie genug. Ich schicke dir deswegen diese drei, zwei silberne, einen aus Blech; und heute scheinen die Zettel, Papiere auf meinem Schreibtisch ruhiger, als wären sie schon eine Weile versoehnt.
Wetterumschwung, Ostwind, zwischen fahrigen Wolken der Mond, blaß noch, und in der Dämmerung klirrt das Licht, als wäre es mit dem Wasser gefroren: Vielleicht schneidet die Luft entzwei, was zusammengehoert, und vielleicht bleibt in dieser Kälte zitternd ein Satz in der Luft stecken, eine Art Zeppelin oder einer von diesen Voegeln, die geduldig nach Beute ausspähen. Ich oeffne das Fenster, hoere das Lärmen von Baumaschinen, die Holzdielen beben, jetzt ist der Himmel klar, und gerne würde ich durch die Stadt fahren im Taxi, bis in die Nacht, bis es spät ist, Nachtbusse zuweilen oder ein anderes Taxi, einige Ampeln schon ausgeschaltet, kaum ein Fußgänger, nur vor den Botschaften gehen Wachmänner, Polizisten auf und ab, hinter einem Bauzaun schlägt ein Hund an, bellt lange, bellt, und vor einem Geldautomaten steht eine Frau im Neonlicht, zoegert, richtet ihr Haar, geht weiter.
Nachtdienst, sagt auf dem Anrufbeantworter der Freund, wieder ein Notfall, zwei Finger ausgerissen, daß er sich morgen melden würde, schlaf gut, sagt er, legt auf, und ich frage mich, ob man die Finger gefunden hat, ob sie anwachsen werden, wie lange das dauert und warum noch immer nicht Tag ist. Aber es hat geschneit, und als ich aus dem Fenster schaue, ist der Mond längst untergegangen, leuchten die Dächer, nur die Schornsteine ausgespart, die Dachrinnen und dunklen Zwischenräume von Haus zu Haus.