Ein Tag, 2
Katharina Hacker
 

 

 

28.6.1999


 

 

Verschlampte Stunden morgens, regennasse Vögel stürzen vors Fenster wie zum Gebet, die versäumte Zeit kriecht, dicht an die Dielen gepreßt, durch Zimmer und Flure: weite Räume, in denen anmutslos und zärtlich der Tag vergeht in der Erinnerung an Wiesen, die quatschen, wo zwischen zittrigen Pfützen Schritte sie treffen; könnte mein Kopf mich tragen, wohin ich will, in die Langeweile von Februartagen, zu langen Spaziergängen mit nassen Füßen, zuweilen auch Küsse, und zwischen feuchten Mäntelkrägen berühren klamme Finger den Hals, wo er am weichsten ist, so weich, daß er seine Verlockung zurücknimmt, sich den nassen Zweigen überläßt, und später die Striemen, rote Leuchtzeichen, die kleinen Verwundungen, ihr Plappern noch Jahre danach, Narben, die so vertraut sind wie ein anderer Körper nach der Liebe und wie ihr Geruch mittags oder noch später. Verschlampte Stunden morgens, ungewaschen, zerzaust die Haare und alles, was ich vergessen habe, Verrichtungen, Geschirr, Bettdecken, Briefe, leise Träume huschen scheu an Wörtern und Farben vorbei, ich rauche und warte, auf ein Knacken der Öfen, ein Klopfen, stelle mir vor, wie ich im Bett liege, noch immer, noch immer morgens, während schon Dämmerung zwischen den Wolken zögert, zögernd die sanfte Berührung zweier Finger nachahmt, und Elstern auf der Dachrinne wippen, keckern.


An die ruppige Februarlandschaft erinnere ich mich, die Wunden des Winters, die schwarzen Baumstämme, an die riesige Pfütze nicht weit vom Haus auf der Wiese, das rote Haus im Blick nur noch ein roter Fleck, mürbe, bereit zu vergessen, die Pfütze fast schon ein See, jedes Jahr, an grüne, blaue, schwarze Gummistiefel, die großen Schritte für Abenteuer, an die Wachsamkeit erinnere ich mich, das Pfeifen des Windes treibt die Stimmen aus dem Kopf, dem Mund, einzelne Grashalme, Zweige, ein fauliges Blatt oder rote Beeren spiegeln sich in anderen Pfützen, halten den Herbst, den Geruch sonnenwarmen Waldbodens, Hochsitze und die Angst. Noch immer wundere ich mich über die Spiegelung in einer Pfütze, über die Grashalme und Steinchen unter Wasser, darüber, wie klar sich etwas erkennen läßt, selbst heute, selbst jetzt, während ich am Schreibtisch sitze, rauche, über die Sehnsucht wundere ich mich, Februarwiesen, ruppig, über lange Gräser, darüber, wie Farne im Erdboden verschwinden, wundere mich über den eintönigen Himmel, der sich in einer Pfütze spiegelt, groß wie ein See, sitze ganz still, noch immer, rauche, spüre atemlos die Berührung der Hand eines Geliebten, noch immer Morgen, schlampig, ungewaschen, während schon Dämmerung in die Hauswände sickert, in die Trägheit des Hirns, die nachlässigen Stunden.


Ich prüfe mein Gesicht im Spiegel, ich wundere mich nicht; sitze still, Finger suchen, was sie zählen könnten, finden nichts, zittern. Wie Farne vergehen, spurlos, Farne, größer als ich, zehnjährig, eine Waldlichtung, zwischen den Farnen hindurch mit dem Steckenpferd, und im Frühjahr ihr Grün, enge Spiralen, angespannt. Davor der Februar, die Bäume kahl, geschunden, schlammig die Wiesen, jahrelang, während ich hier sitze, lachend, traurig, noch immer Morgen, bis in den Abend hinein, bis in die Nacht, der warme Wind, wie Farbflecken die Erinnerung, die Spiegelung des eintönigen Himmels in den Pfützen, bald.