Ein Tag, 13
Katharina Hacker
 

 

 

31.5.1999


 

 

Die Dachziegel glänzen, in der Spiegelung einer Fensterscheibe sehe ich, wie eine Frau das Bettzeug ausschüttelt, dann ein Ruf, in den Hof fällt ein Nachthemd, mir ist, als vergäße ich einzelne Wörter in den Sätzen, man könnte sie nicht verstehen, und hörte ich nicht Musik, wäre es so still, daß ich glaubte, ich wäre tot für einige Zeit, so wie man ein Hotel aufsucht, anderntags abreist.

Manchmal fällt mir ein, schreibt ein Freund, daß du die Straße entlangkommst; an eine Straße in Jerusalem denkt er, Häuser aus hellem Stein, am Straßenrand Oleander, das Grab eines römischen Feldherrn, der Jason hieß, rechterhand, und hinter der Kurve im Tal das Kloster.

Beide gehen wir längst nicht mehr dort entlang, die Entfernung ist viel zu groß, in einer anderen Stadt er, ich in einem anderen Land, sowieso spielt jeder sein eigenes Spiel mit dem Tod, als würde man das Leben mehrmals verlieren, wieder auferstehen von den Toten, glaubst du mir, schreibt er, daß der Brief damals verlorenging? Und ich antworte ja, warum auch nicht, ein anderer Brief erreichte mich erst nach zwei Jahren, "Verstorben" auf die Rückseite gestempelt, das Wort mußte ich nachschlagen, ein sehr höflicher Ausdruck, der "gelöst" bedeutet, wenn man von einem Problem oder einem Rätsel spricht.

Noch immer liegt das hellblaue Nachthemd im Hof, die Ärmel ausgebreitet wie erstaunt, ein Mann kommt heraus, schüttelt den Kopf, hängt das Nachthemd über den Zaun, hinter dem Straßenschilder, Warnschilder stehen, es flattert im Wind, Umleitung, lese ich, Achtung! Baustelle, ein Straßenname ist jetzt verdeckt, aber noch gibt es eine ganze Anzahl von Pfeilen, als könnte ich jederzeit überlegen, in welche Richtung ich fahre.

Ich stiege ins Auto, führe vorbei an Baustellen, auf Ausfallstraßen an tristen Häuserblocks vorbei, die hellen Fenster ein schlecht ausgeschnittenes Puzzle, starrte an einer Haltestelle die Schienen entlang, in einem Hauseingang Halbwüchsige, rauchend, und plötzlich glaube ich, diesen Freund zu sehen, dort hinten, doch als ich rufe, ist meine Stimme unsicher, als wüßte ich seinen Namen nicht mehr, er kann mich nicht hören, ist auch weit fort, und ich kenne schon sein Gesicht nicht mehr, seine Hände, Umarmungen, und meine eigenen Hände fremd, als kletterte ich Häuserfassaden entlang oder Dächer, klammerte mich an die Regenrinnen, den Sturz fürchtend, so wie man manchmal den Träumen nach dem Erwachen zuschaut wie einem Film, der weiterläuft, obwohl alle den Kinosaal längst verlassen haben, nachts, das Nachthemd im Hof ist fort, und die Schilder kann man nicht mehr erkennen, keine Warnung, keinen Namen.