Aus: Der Universalratgeber Schnepfenthal, Verlag Ernst Danson, ohne Ort und Jahr.
Katharina Hacker
 

 

 

29.1.1999


 

 

Morgendämmerung. Gleich morgens bei Morgendämmerung soll man Papierschiffchen falten, Papierschwalben, große Papierhüte, vielleicht auch eine Papierbrille aus braunem Packpapier: dadurch würde alles sichtbar und hell, heimliche, komische Konstruktionen der Welt aus Rost und Holz und Spucke, gläserne Bänder, die traurig aussehen, weil keiner sie sieht, und darin Salzkristalle, Girlanden aus Plastikblumen, Häkeldeckchen und Taschentücher und Fingerhüte, Nagelscheren sind bedrohlich, Feuer Schere Messer Licht, und in einer entfernten Ecke hängen eifersüchtig aufgeschlagen Gesangsbücher, flattern mit dicken Blättern und großen Buchstaben, ihnen hört keiner zu, auch die Taschenkrebse kränken sich häufig und es wäre gut, weiße Spitzenschuhe zu tragen, gelb-schwarze Salamander zu dressieren und Windbeutel vorsichtig auf einem Fluß abzusetzen. Schon wieder ist die Nacht unbemerkt in engen Straßen und befahrenen Straßen mit Ampeln und Zebrastreifen und Feuerwehrautos, in baumbewachsenen Straßen und naßgeregneten, nachlässigen, löchrigen Straßen verschwunden, schon wieder ist ein ganzer Tag vergangen und eine Nacht verschwunden, ohne daß man Wesentliches geklärt hätte, ob Bachstelzen nun Zugvögel sind zum Beispiel, und wie sie das anstellen, solche zu sein, ob Spinnen im Schlaf mit ihren Spinnenbeinen zucken, das Netz streicheln, ob Dachziegel ihren eigenen Stolz haben oder etwa zum Wehleid neigen, warum eine Untiefe tief sein soll in ihrer Selbstverleugnung und ob Nachtigallen zum Laiendarsteller taugen. Haben die Mauersegler aus semantischer Sympathie den Abriß der Mauer bedauert?