Ein Tag, 1
Katharina Hacker
 

 

 

22.1.1999


 

 

Der Morgen so grau und stumm, als wäre über Nacht vieles geschehen: einige abgereist, andere gestorben; ein Morgen für Schlupflöcher und muffige Wollpullover und altes, fleckiges Porzellangeschirr. Jetzt geschieht gar nichts mehr. In einem Hinterhof fängt einer Vögel, bindet ihre Flügel mit Zwirnsfäden zusammen und hängt sie an ein Gesträuch. Auf einer Wiese steht das Wasser, große Pfützen kräuseln sich, die Wege schlammig, als hätte es wochenlang geregnet, Fußspuren werden fortgespült und Verkehrsschilder, und Holzkreuze liegen umgestürzt.
Später am Tag wird eine junge Frau sich den Knöchel an einem Bordstein aufschlagen, den Fahrschein nicht finden, während Kontrolleure mißgestimmt, verfroren von einem Fuß auf den anderen treten; viel später wird die Frau an einer Tür klingeln und keiner öffnet, ach, sie hatte so
sehr darauf gehofft. Sie wird sich daran erinnern, daß ihre Großmutter Spitzen sammelte, sorgfältig in einer hölzernen Truhe aufbewahrte, manchmal Schnaps trank, später das Husten anfing, hustete und endlich starb. Sie wird umkehren, die Treppen zur U-Bahn hinuntergehen und glauben, ihre Mutter hätte sich umgebracht, an Eisenbahnzüge wird sie denken, die sehr langsam bremsen, an zitternde Schienen, an Geschmier und an die Demütigung, daß der eine oder andere Körperteil unversehrt bleibt. Vielleicht werde ich ihr begegnen, wenn sie daran denkt, ob es ein Fuß war, ob er einen Schuh trug und welchen, vielleicht werde ich einen Moment ihr Gesicht betrachten, das blaß ist und stumpf, wie viele Gesichter, wie mein eigenes, während ein Tonband weitere Stationen aufzählt und wir beide viel zu weit fahren, längst nicht mehr ankommen werden, Bahnsteige aufblitzen sehen, untergehen.
Eine Viertelstunde lang begreift man, daß es gut wäre, aufzustehen und fortzugehen, für eine Viertelstunde beobachtet man die Uhr, zieht Landkarten in Erwägung, Fahrkartenschalter, nickt einmal entschlossen mit dem Kopf, während die Hände schon das Essen richten, das Bett richten, den morgigen Tag, die Tage und Wochen, während die Hände schon mit einem losen Knopf spielen, an Nadel und Faden denken, und vom Globus im Zimmer blättert die Farbe ab, Länder verschwinden in Ritzen, im Staub.
Eine dünne Staubschicht, zu dünn, sich dabei aufzuhalten, aber der Staub, der Staub, der morgens die Augen verkleben wird, heimlich und gefräßig die Farben und jedes Leuchten, zerrt die Bewegungen des Mundes ins Dunkle, rechthaberisch, geizig. M
orgens der Staub trostlos wie eine Wunde, der keiner Trost zuspricht, Schürfwunde, Abnutzung, müder Atem, ein zaghafter Finger, der zeichnet, Namen sucht, vergeblich. Nachts schon die ersten Anzeichen des Staubs, der sich morgens übers Gesicht breitet, ein Leichentuch, untauglich, nicht einmal kühl. Nachts schon das Wissen, auch morgen wird das, was lindert, gefräßig sein, betrübt, und die Fenster wetteifern mit dem Grau vor den Fenstern und dem Reichtum der Welt und dem Betrug des Staubes auf den Augenlidern, Augäpfeln, den Wimpern, die verklebt sind und mutlos. In Kinderreimen wartet der Tod, der besonders langsam zählt, hustet, und sich langweilt.