Zitat dritter Ordnung
Katharina Hacker
 

 

 

1.1.1999


 

 

Zweifelsohne sind Jahresanfänge die glücklichsten Zeiten überhaupt. Letztlich nämlich und seit je ist Neujahr eine glückliche Erfindung, die dazu dient, der schlimmsten aller Wiederholungen, dem ärgerlichsten aller Plagiate, wie Proust schon schreibt, für einen Augenblick zu entrinnen, wann sonst hätte man solch naheliegende Gelegenheit, den Aufbruch zu beschließen, Neuerungen ins Auge zu fassen und allerlei Umwälzendes sich auszumalen?
Was aber kann als sicheres Mittel gegen das Plagiat gelten? – lediglich das Zitat.
Sofern es nur taugt.
Sofern es als Zitat und auch sonst über jeden Zweifel erhaben ist.
Womöglich gar ein Zitat dritter Ordnung, – ein Zitat eines Zitates, das selbst ein Zitat ist. Also zitiere ich Walter Benjamin, der Sigmund Engländer zitiert, der Charles Fourier zitiert: "Er beweist, daß nicht etwa durch das Boreal-Licht, sondern durch die Kraft der anziehenden Arbeit das Klima am Senegal so milde werden muß, wie es jetzt die Sommer in Frankreich sind. Er beschreibt, wie die Menschen, sobald sich das Meer in Limonade verwandeln wird, die Fische aus dem großen Ocean nach dem Caspischen Meer, dem Aral-See und dem Schwarzen Meere tragen werden, weil das Boreal-Licht auf diese salzigen Seen minder stark wirkt, und daß sich auf diese Weise die Seefische nach und nach an die Limonade gewöhnen, bis man sie zuletzt wieder nach dem Ocean werde zurückbringen können. (... ) Die Natur, behauptet er, werde sich dermaßen entwickeln, daß eine Zeit kommen werde, in welcher Orangen in Sibirien blühen und die gefährlichsten Thiere durch ihre Gegensätze werden ersetzt werden. Anti-Löwen, Anti-Wallfische werden dann dem Menschen dienstbar sein und die Windstille seine Schiffe ziehen. Auf diese Art soll nach Fourier der Löwe als das beste Pferd benutzt werden und der Haifisch so nützlich für die Fischerei werden, wie jetzt der Hund für die Jagd. Neue Sterne sollen entstehen, welche den Mond ersetzen, der überhaupt schon jetzt im Verfaulen begriffen sei." (Sigmund Engländer: Geschichte der französischen Arbeiter-Associationen, Hamburg 1864, I, S. 240-244. Zitiert nach: Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Band 2, S. 765 f.)

 

Tatsächlich gibt es Unebenheiten, die Bürgersteige zum Beispiel und die meisten Feldwege und Waldwege sind uneben, immer wieder liegt unvermutet dieses oder jenes auf dem Boden, auch Nähnadeln und Büroklammern, Brillenbügel; jeder Schritt Anlaß zur Dankbarkeit, o zweifellos, denn gerade diesmal hätte ein Unglück geschehen können, und schließlich geschieht so viel an Unglück nicht, wie es sich eben auch mit dem Glück verhält.
Wer seinen Umgang auf das beschränkt, was allgemein als anwesend und existent anerkannt ist, hat selber schuld, denn er selbst ist es, der sich der Vergnügungen der Abwesenheit beraubt, derjenigen Plastikblume etwa, die es gerade hier nie gab, desjenigen Stimmkatarrhs, der unhörbar bleibt, und so lange womöglich, so besorgt beschränkt einer sich aufs Anwesende, daß ihm nichts bleibt, Nichts – diese trostlose Halbherzigkeit, die sich bloß geschickt den Anschein gibt, zum Abwesenden zu zählen, in Wirklichkeit aber gerade dessen vollständige Leugnung bedeutet.

 

Jahrelang hat er versucht, Eisenbahnschienen zu zeichnen.
Zwischen den Schienen die Schwellen und zwischen den Schwellen grober Schotter.
Die Schienen aus Stahl.
Der Schotter spitz, scharfkantig, die Steine hellgrau oder rostbraun.
Er beachtet die Proportionen und versucht, den Entfernungen gerecht zu werden.
Jeder, der ihn dort stehen sieht, muß befürchten, er wolle sich umbringen.
Doch letztlich sieht ihn keiner. Vögel landen auf den Schienen und spazieren über den Schotter.
Er steht still, als hinge viel davon ab. Zuweilen glaubt er, unsichtbar zu sein. Öfter vermeint er, eine große Macht zu haben, denn wo er steht, fährt kein Zug. Zahllose Tage, zahllose Tage betrachtet er die Gleise, bückt sich auch, um die Schienen zu berühren, beobachtet aufmerksam allerlei Getier, das die Gleise überquert, und die Vögel. Wer wollte die Tage zählen?
Wird es dunkel, so geht er nach Hause. Keiner soll sagen, sein Leben sei unglücklich. Er wartet auf das Morgengrauen. Noch ist der Ausgang seiner Mühe ungewiß.
Nachts klebt er Papierbögen aneinander. Viel hängt davon ab. Das Papier rollt er auf große Rollen; die Rollen werden größer. Schon übertrifft ihr Umfang ihre Länge. Schon füllen sie das Zimmer: im Zimmer ist es still. Bald wird er sein Bett wegräumen wie die andern Möbel. Er schläft nur selten. Sein Leben, denkt er, wird nicht ausreichen. Bevor er stirbt, denkt er, muß sich sein Gesicht verändern, vielleicht die Farbe seiner Augen, und er wird dann sehen, ob ein Vogel, der vorüberfliegt, die Gleise überflogen hat. Viele Zusammenhänge gilt es zu erkennen. Ist er gewissenhaft? Und was, wenn er scheitert?
In der Stille nachts glaubt er die Schienen klingen zu hören, in mondlosen Nächten, in Regennächten. Jetzt liegt er nahe bei der Tür. Einiges ist noch zu bedenken.
Dann schneit es wieder, im Schnee sucht er die Schienen. Soll man sagen, daß er erfroren ist?

 

Im Gesträuch hausen jetzt die Blindschleichen und Igel und Siebenschläfer und alles, was sonst noch schläft, einträchtig beieinander. Kaum eines hustet, kaum eines gähnt, sie blinzeln allenfalls traumverloren und seelenruhig ins Leere.
Zuweilen fällt einem ein Gedicht ein, dann murmelt oder lispelt es die ersten Zeilen, bevor es wieder in Schlaf sinkt.
Zuweilen hört eines wie von fern Musik in seinem Kopf; es summt dann leise vor sich hin, und wer zunächst liegt, rollt ein wenig näher, um keine Note zu verpassen.
Alles ist glücklich und friedvoll, und über dem Gesträuch rast eisiger Wind und gefrorene Blätter klirren.
Keiner neidet ihnen ihr Glück: sie sind ja so still. Nur der Tod versucht manchmal, seine Knochen, die in der Kälte klappern, zwischen den Zweigen zu verbergen. Rascheln nicht seine Knochen wie dürre Äste? Aber ein Murmeltier im Exil wacht mit dem linken Auge und pfeift hell. Da setzt Hein sich leise an den Rand auf einen Stein und schlägt die Beine übereinander. Es rührt keinen, daß er traurig ist; Blindschleichen und Igel und Siebenschläfer schlafen weiter, seelenruhig.

 

Nachts laufen zwei auf die Straße, bleiben unvermittelt stehen, laufen wieder zurück. Er trägt eine dicke Mütze auf dem Kopf. Am Tag darauf fällt es ihm wieder ein. Er ist spät zurückgekommen, und spät wacht er auf; ich stehe spät auf, denkt er bei sich, noch immer müde, ich kann nicht nachdenken, denkt er, nicht jetzt. Und vielleicht ist die Mütze heruntergefallen, nicht auszuschließen, obwohl er sie dazu abgenommen haben müßte, und sie, seine Freundin, wäre daran vorbeigelaufen.
Hör zu, hat ein anderer gesagt, der zielstrebig die Straße überquert, es ist dunkel, er sieht sich nicht um.
Nicht weit noch immer der Weihnachtsmarkt aufgebaut, die Lichter gelöscht, das Riesenrad im Dunkeln und ohne sich zu drehen.
Gleich ist es vorbei mit der Nacht, sagt sie zornig, schau dir nur den Himmel an! Wohin gehst du?
Aus einer Wohnung hört man lautere Stimmen, in einer Änderungsschneiderei klingelt das Telefon, eine Stoffpuppe im Schaufenster, ein Holzpferd, daneben eine große Schere.
Sie hält sich am Treppengeländer fest, das Treppenhaus stinkt, abgestandenes Essen, Katzenpisse. Laß doch, sagt eine zweite Frauenstimme.
Aber vielleicht ist es zu spät.
Eine Kette von belanglosen Ereignissen entsteht gerade jetzt, unbelebte Dinge dazwischen, etwa ein Taschentuch oder eine Zuckerdose, selbst eine Zuckerdose kann man verlieren, auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist.
Hören Sie? Nur fünzig Meter von hier die Straße. Auf offener Straße.
Fahrraddiebe und Raubüberfälle und Paare, die sich küssen. Und der Wind treibt Papierfetzen und ein, zwei braune Blätter über den Asphalt. Mitten in der Nacht könnte man anfangen, etwas zu suchen, ein Likörglas, wenn man gerade im Zimmer ist, einen Bindfaden auf der Straße oder ein leeres Feuerzeug; immer wieder liegen leere Feuerzeuge auf der Straße, ohne Zweifel.
Und da, wo ein Mensch war, ist keiner mehr. Sie kommen abhanden, Männer und Frauen, nicht alle, aber häufig geschieht es, daß einer aufsteht und geht. Kommt nicht wieder. Wie still es ist. Jetzt. Man hört das Klappern von Mülltonnen und daß ein Rolladen heruntergelassen wird.
Sie schreibt einen Brief: Nur ist es so, daß ohne Dich die Tage länger sind. Soll ich Dir dafür danken?
(Aber sie schickt den Brief nicht ab, und er wartet vergeblich auf diesen Brief oder auch auf einen anderen. Wer wüßte das immer genau zu sagen?) Erst dann beginnt es zu schneien. Man könnte sich vorstellen, wie Felder und Feldwege und Bäume am Wegesrand im Schnee versinken. Spatzen versammeln sich. Krähen fliegen auf.
Gleich sind die Tage vergessen.

 

Dann fangen andere Tage an, Schneematsch am Straßenrand und aufgetriebene Mäuseleichen in der Gosse und wundersam große Maulwurfshügel auf dem Friedhof.
O, die große Zeit der Friedhofslichte zu zwei Mark, rote, bescheidene Friedhofslichte im Drahtgestell zwischen Kinderstrumpfhosen und Erbsensuppe.
Doch Allerseelen und Allerheiligen und Totensonntag sind längst vorüber, und auch das mühsame Auflösen der Gräber, der Sarg längst verrottet, wohin die Knochen, wohin mit den Knochen, hohl und bleich und keiner, der daraus Flöten schneidet?
Andere Tage fangen an, Tage, eingehüllt in weite Mäntel aus Nacht und Traurigkeit, solche Tage, daß helle Sommertage davor erbleichen und selbst die langen Dämmerungen; in weite Mäntel mit großen Krägen gehüllt, aus denen die blassen Morgen wie dünne Frauenhälse staken.

Die späteren, späteren Tage lauern im Hinterhalt, in Einschußlöchern, verstopften Dachrinnen und geplatzten Fahrradschläuchen, in Bierlachen, in blütenweißen Taschentüchern, die einer in der Hand hält, ohne zu weinen. Die späteren Tage klammern sich an tote Augen, an die Erschöpfung von Altersflecken, an mutlose Hände. Die späteren Tage meinen es nicht böse, nur ist es so.

Heimlich, ganz heimlich treffen sich all diese Tage, nachts womöglich, ziehen aus ihrem Innersten wie aus großen Jackentaschen Kugeln, die Petanque-Kugeln zum Verwechseln ähneln, und spielen stundenlang versunken und glücklich, vergessen die Zeit und auch sich selbst. So selbstvergessen spielen sie damit, daß gerade an diesen Tagen mit Fug und Recht viel Glückliches geschieht, Liebesbriefe eintreffen und allerlei günstige Umstände, auch wenn es zuweilen noch verborgen ist.

 

Keiner hat den Schlüssel zum Dachboden, doch höre ich morgens manchmal Schritte, und in der Wand, die an eine Brandmauer grenzt, rutschen kratzend und raschelnd Myriaden von Metallkügelchen oder Käfern oder Kellerasseln von oben nach unten. Über den Dachboden aber geht einer mit schwachen, zaghaften Schritten, und nur einmal bin ich aufgesprungen und habe an der Tür gerüttelt und gerufen.
Ich habe mir davon nicht viel erwartet, allerdings ist es ungeheuerlich, zumal sich im Staub auf der braunen Holztreppe jeder Schritt deutlich abzeichnet, und außer meinen Fußspuren war dort nichts, niemand war dort gewesen, und hinter der Wand oder in der Wand sausen kleine Glaskugeln nach unten und zerschellen wer weiß wo, vielleicht aber auch Käfer oder Kellerasseln.
In dieser wie in jeder Straße ist schon viel Bedauerliches vorgekommen, ein paar Häuser weiter fand man die Leiche einer jungen Frau zwischen Kohlesäcken und alten Fahrradschläuchen, und täglich geht ein dicker, bärtiger Mensch die Häuserzeilen ab, trägt einen kleinen Fernseher in der Hand, und zuweilen bleibt er stehen, klopft zärtlich an den Bildschirm und murmelt etwas Beschwichtigendes.
Auch ich neige zur Schwermut, nicht immer, aber häufig genug, gerade dann, wenn ich überall nichts finde als harmlose Fröhlichkeit, welche jedoch mit einem gewissen Übermut einhergeht, dessen Folgen schwer abzusehen sind. Es stimmt, daß die Kinder der Nachbarn sich ausgezeichnet entwickeln, jede noch so kleine Anregung greifen sie mit Freuden auf, haben kürzlich damit begonnen, das Hundehaar zu sammeln, das vereinzelt in diesem oder jenen Strauch, an Holzbänken und sogar an Scheibenwischern geparkter Autos hängt oder haftet, die Kinder ordnen es gewissenhaft nach Farbe und Beschaffenheit, um es jederzeit den wahren Besitzern, den Hundebesitzern nämlich, zurückerstatten zu können. Jeder Bürger ist dankbar, sein Eigentum wieder zu erhalten, zumal in einer Zeit, in der selbiges beständig abnimmt, weniger wird, so wenig, daß der Eigentümer selbst fürchten muß, der große Schwund würde auf ihn übergreifen, und künftighin müßte er sich glücklich schätzen, wenn unzweifelhafter Besitz, etwa der seiner Nasenflügel, von schwindelerregenden Zweifeln verschont bliebe. Die Verhältnisse sind nicht lustig.
Über mir höre ich Schritte, die keine Fußspuren hinterlassen und dort nicht hingehören, durch die Wand sausen Murmeln, zerschellen zu gläsernem Staub, der unauffindbar bleibt, und die Kinder haben mir unlängst ein lockiges Menschenhaar zum Rückkauf angeboten. Den Schlüssel zum Dachboden hat keiner, und auf dem Treppenabsatz hockt minutenlang eine alte Frau, die Frau Sorge heißt und scheinbar davon träumt, Schlittschuh zu laufen, mit knochigen Beinen durch die Luft taumelt, dabei häufig stürzt, und länger als minutenlang liegt sie auf den Stufen. Seit vielen Jahren lebt sie im Erdgeschoß, das man ihr vor einem Jahr gekündigt hat, da sie die Miete nicht nur nicht pünktlich, sondern gar nicht zahlte, und keiner weiß, wo sie seither wohnt. Die Kinder hüpfen über sie hinweg, wenn sie im Treppenhaus nach Besenborsten suchen, und ihre eifrigen Gesichter verziehen sich für einen Augenblick, denn sie sind es nicht gewöhnt, daß unberechtigte Personen sich unberechtigt aufhalten und gerade dort, wo sie ihren nützlichen Beschäftigungen, die jeder nur loben kann als Vorbereitung auf das Leben, so emsig nachgehen. In unserer Straße, in der – wie in anderen auch – nicht alles zum besten steht, sind diese Kinder unsere Hoffnung.