Zero sieben
Arno Geiger
 

 

 

8.11.1999


 

 

Es braucht schon ein gehöriges Maß an Herzenskälte sich selbst gegenüber, an Silvester von Rom nach Bregenz zu fahren, obwohl zu Hause niemand wartet. Andererseits, den Freund der Mitstipendiatin wollte ich nicht kennenlernen, Himmelherrgott, läßt sich wochenlang von mir bekochen und glaubt mir jedes Wort, daß ich sowieso koche und mich gerne unterhalte. Da ist mir meine Vorarlberger "solitudine" schon lieber. Ich schlage die Wohnungstür hinter mir zu und stelle mich unter die Dusche, obwohl der Boiler nach der langen Abwesenheit kalt ist. Was soll´s, mir glüht ohnehin der Kopf vor lauter ich weiß nicht was anfangen mit mir und dieser sozusagen Jahretausendwende. Am besten: gleich ins Bett, naß und voller Zorn, noch vor Mitternacht. Ich schlafe gleich ein und träume davon, daß ich noch immer im Zug sitze. Über die Deckenlautsprecher wird durchgegeben, die Literaturzeitschrift "manuskripte" habe in Waggon 2 eine Servicestelle eingerichtet. Fahrgäste, die über unveröffentlichte Texte verfügten, würden dort gerne erwartet. Ich denke mir sofort, oh Schande, was ist jetzt los, glauben die im Ernst, daß heute, um diese Zeit, noch mehr Schriftsteller unterwegs sind außer mir Idiot. Ich lange sofort nach dem Rucksack und gehe durch die leeren Gänge zu Waggon 2. Dort angekommen, sehe ich Alfred Kolleritsch weiße Faltblätter auf Tischen verteilen. Wir begrüßen uns herzlich, und ich sage, ohne auf die seltsamen Umstände des Treffens einzugehen, ich hätte Erzählungen, aber die seien schon zwei oder drei Jahre alt. Lüge, denke ich gleichzeitig, das stimmt doch überhaupt nicht, die sind mindestens fünf, wenn nicht sechs Jahre alt, dreißigseitige Erzählungen, wer will denn dreißigseitige Erzählungen, zur kurz oder zu lang, keine Literaturzeitschrift will dreißigseitige Erzählungen, das ist was für den Nachlaßband. Ich mache Alfred Kolleritsch darauf aufmerksam, dreißig Seiten, niemand will dreißigseitige Erzählungen, Herr Kolleritsch, nur, damit Sie sich keine falschen Hoffnungen machen. Diese Erzählungen werden im Nachlaßband erscheinen. Er verteilt weiterhin die Faltblätter an den leeren Tischen und sagt, schicken Sie mir die Texte zu, mal sehen, was ich machen kann. Wieder Faltblätter. Ich bleibe noch eine Weile am Gang stehen, stimmungsmäßig kopfschüttelnd, obwohl ich mich selber nicht sehe. Ich betrachte weiterhin Alfred Kolleritsch bei seinen Vorbereitungen und denke dabei, es gibt ja noch die siebzehnseitige Inventarliste des abgebrannten Hauses, vielleicht ist das von Interesse, nur siebzehn Seiten, denke ich, wenig mehr als die Hälfte, das könnte gehen. Ich wache auf.