Zero sechs
Arno Geiger
 

 

 

3.9.1999


 

 

Das war´s. Wenn ich daran denke, möchte ich mit dem Kopf gegen die Wand rennen; nicht so sehr, weil ich nicht mehr in Rom bin, dort hat auch nur jeder von seinem eigenen Kram geredet, sondern aus Trauer über all die hochfliegenden Pläne, die ich mit dorthin genommen hatte und nicht verwirklichen konnte. Genau genommen war alles umsonst. Nichts hat irgendwas gebracht. Ich bin um ein paar Erfahrungen reicher geworden und um ein paar Illusionen ärmer. Und so gesehen ist es fast ein Glück, daß zu Hause niemand auf mich wartet. Meine schlechte Laune sitzt mir ausgesprochen locker - auch angesichts der bevorstehenden Jahreswende, Jahrtausendwende, die mich völlig ratlos antrifft. Mit jeder Treppenstufe zur Wohnungstür frage ich mich, was das alles soll, was ich hier soll. Betretenes Schweigen. Ich werfe den Rucksack auf den Küchentisch, um auch ein wenig Lärm zu machen inmitten dieser Raketenkracherei, reiße den Zettel von der Kühlschranktür, "Ein Jäger bin ich, von Wölfen gejagt", und schmeiße ihn zerknüllt zu Boden. Das ist die ganze Ankunft. Basta. Ohne irgendwas ausgepackt zu haben, lege ich mich voller Zorn ins Bett und schlafe rasch ein. Ich träume davon, daß ich mit starken Brustschmerzen im Wartesaal eines Krankenhauses sitze. Ständig kommen Patienten, die bluten oder laut schreien, weshalb sie mir vorgezogen werden. Endlich wird auch mein Name aufgerufen. Ich betrete das Röntgenzimmer, ziehe mein Zirkus-Knie-T-Shirt aus und lege mich eigenmächtig mit nacktem Oberkörper auf die Pritsche unter dem Röntgenapparat. Eine befreundete Ärztin tritt zu mir, und fragt, was passiert sei. Ich antworte sehr entschieden und doch irgendwie beiläufig, ich hätte mir zwei Rippen gebrochen. Die Ärztin wiegt nachdenklich den Kopf und sagt nach einiger Zeit, drei gebrochene Rippen wären besser. Bei zweien, naja, das sei zu verantworten, aber bei dreien müsse damit gerechnet werden, daß auch die Lunge etwas abbekommen habe. Wenn drei Rippen gebrochen seien, dann nehme sie mich auf.
Nachdem ich mich kurz zuvor leicht aufgerichtet hatte, sinke ich jetzt mit einem lauten Stöhnen zurück in die ausgestreckte Lage. Kopfschüttelnd starre ich zur Decke, und frage halb mich, halb die befreundete Ärztin: Aufnehmen? aufnehmen? Wie ist das zu verstehen? Wie soll ich aufgenommen werden? Wie ein am Gehsteig verlorener Schilling? Wie ein kleingefaltetes Blatt Papier?
Ehe mir die Ärztin eine Antwort geben kann, wache ich auf.