Zero vier
Arno Geiger
 

 

 

17.5.1999


 

 

Jetzt ist es so weit. Früher habe ich mich immer über meine Mutter geärgert. An Silvester um Viertel vor zwölf einen Campari trinken und ins Bett gehen, ganz demonstrativ. Scheiß Raketen. Scheiß Blick übers Rheintal. Ich bin nicht besser, im Gegenteil: am 31. 12. von Rom nach Vorarlberg fahren, wo niemand wartet, wo ich ganz auf mich selber losgelassen bin. Welche Zumutung. Die Wohnung kalt und nichts im Kühlschrank, nichts am Anrufbeantworter, nur Lesungen. Ich hätte es wissen müssen, natürlich, hier wartet niemand. Auch in Rom wartet niemand. Aber dort wäre ich wenigstens blond gewesen, ich meine, immerhin. Das hätte mir früher einfallen müssen. Jetzt ist es zu spät. Es ist immer zu spät. Das kommt von dem ewigen Davonlaufen. Noch ein Schluck von dem mitgebrachten Grappa. Er wäre eigentlich als Geschenk gedacht gewesen. Dann lege ich mich, noch vor halb zwölf, voller Zorn ins Bett. Ich schlafe rasch ein und träume davon, daß ich aus dem Schlafzimmerfenster meiner Wohnung schaue und feststelle, daß der Hang unterhalb der Wohnung völlig zugewachsen ist, sowohl bei uns als auch bei den Nachbarn, und zwar mit bestimmt zwei Meter hohen, tiefgrünen Pflanzen, deren große, speckige Blätter ringförmig direkt am Stiel ansetzen. Die Pflanzen sehen aus wie überdimensionale Blumen, die in der Krone, wo die ringförmig angeordneten Blätter immer kleiner werden, zum Blühen kommen könnten. Aber Blüten sind nirgendwo zu sehen. Nur Grün. Ein tiefgrünes, undurchdringliches Meer. Ich bin völlig baff, daß Pflanzen von einem Tag auf den anderen ein so großes Gelände überziehen können. Mir kommt das wie eine ungeheuerliche Invasion vor, und ich mache mir Sorgen um die tausenden Wiesenblumen, die den Hang im Frühling immer bedecken und jetzt kein Sonnenlicht mehr abbekommen werden. Ständig denke ich mir: Mit den Blumen ist es jetzt aus, die haben keine Chance mehr. Verrückt, diese Invasion, wirklich erstaunlich und verrückt, daß so etwas bei uns passieren kann.