Zero eins
Arno Geiger
 

 

 

3.5.1999


 

 

Am 31. 12. 1999 muß ich die Atelierwohnung des österreichischen Staates an der Piazza Navona räumen, weil das der letzte Tag meines Rom-Stipendiums ist. Obwohl das Fliegen an diesem Tag noch einigermaßen sicher sein sollte, werde ich mit dem Zug nach Hause fahren, denn ich habe Flugangst. Von Rom nach Bregenz sind es per Bahn via Brenner – Innsbruck zwölf Stunden. Ich werde erst spät abends und völlig erschöpft zu Hause ankommen. Niemand wird mich dort erwarten, das ist allein meine Schuld, und ich bin auch an diesem Tag ein völlig selbständig schmerzender Fall, wenn auch inmitten von mehr Allgemeinheit als sonst. Zu viel Privatheit, für diesmal, denke ich und lege mich noch vor Mitternacht voller Zorn ins Bett. Ich schlafe rasch ein und träume davon, daß ich gemeinsam mit Freunden im "Neptun" sitze und Rotwein trinke. Ständig wird angestoßen, ständig werden unsinnige Toasts auf ich weiß nicht wen oder was ausgesprochen. Schon wieder bin ich an der Reihe, und ich sage, mögen nicht mehr Tropfen in unserem Glas bleiben, als wir Liebhaber und Liebhaberinnen haben. Tobi lacht. Die Frauen, die alle verheiratet sind, aber ohne ihre Männer feiern, weil die Männer auf die Kinder aufpassen müssen, sehen mich halb betreten, halb amüsiert an. Dann trinken wir schweigend oder der Traum macht einen Sprung. Die Gläser sind leer. Die Frauen scheinen meinen Trinkspruch vergessen zu haben, denn am Boden ihrer Gläser stehen kleine Tümpel. Nur eine der Frauen, sie gefällt mir besonders gut, hat ihr Glas sehr gründlich leergetrunken, das Glas noch einmal angesetzt, als es bereits für leer hätte gelten können. Ich greife danach und drehe es auf den Kopf, die letzten Reste Rotwein sammeln sich nur langsam, aber es reicht, daß sich ein Tropfen vom Glasrand löst und auf die Theke fällt. Die Frau schaut mich herausfordernd an. Ich nehme mein Glas und drehe es ebenfalls auf den Kopf, über derselben Stelle. Mein Tropfen fällt genau in den, der aus dem Glas der Frau gefallen ist. Niemand sagt etwas. Ich wache auf.