Ein Held ohne Krieg
Julia Franck
 

 

 

7.6.1999


 

 

Ein Held ohne Krieg, wo führte das hin?
Und es gibt ja einige, die auf eine Gelegenheit gewartet zu haben scheinen, ihre Eignung zum Held unter Beweis zu stellen. Auch unter uns Autoren meine ich, solche Ambitionen bemerkt zu haben. Eine solche Gelegenheit war der Krieg, und ich hoffe nur, daß nicht jeder, der darin nicht zum Zuge gekommen ist, (es noch nicht ganz zum Helden und namentlich in die Hirne der Verfolger und Betrachter geschafft hat), diesen Krieg jetzt um seiner eigenen Person willen zwanghaft versucht zu verlängern. Ich nehme an, daß es diesen einigen schwer fallen wird, das Ende des Krieges zu ertragen. Ich ertrage es. Und habe derweil darüber nachgedacht, warum die Kriegssirenen Sirenen genannt werden, wo sie doch sowenig mit diesen Frauenvogelwesen der griechischen Mythologie gemein haben. Ich muß gleich warnen: eine Antwort habe ich nicht gefunden, sonst stünde sie hier. Gewiß, dazu gibt es Texte, von Homer, über Adorno und Horkheimer bis hin zu Kafka – aber das einzige, das den Sirenen in allen Varianten gemein ist, scheint die Fähigkeit zu sein, Männer anzulocken, die gerne Helden wären. Helden, die ihre Stärke an den Sirenen und ihrem vermeintlichen Widerstand gegen die von ihrem Gesang ausgehende Verführung messen. Auch in Kriegsgebieten muß das Heulen der Sirenen so etwas wie eine aphrodisierende Wirkung auf die Flieger haben, – die, ähnlich Odysseus, nur an ihnen vorbeisegeln, im Gegensatz zum griechischen Helden aber ganz offensichtlich einen Mangel von List aufgewiesen haben. Zudem ist bis heute nicht geklärt, ob die Sirenen sangen. Ich vermute (wie Kafka), ihre Waffe bestand in einem Schweigen, einem, das in seiner Beharrlichkeit Odysseus‘ Ohren nahezu betäubt haben muß, einem, daß nicht nur Odysseus, sondern auch die Soldaten über dem Balkan um den Verstand bringt und zu Lügen vor der restlichen Gesellschaft anstiftet. Ich hoffe nur, daß ihr Schweigen nicht dazu reizt, immer und immer wieder an ihnen vorbei zu segeln, in der Hoffnung, sie doch eines Tages singen zu hören und aus der Begegnung als echter Held hervorzugehen. Der Abschied vom Krieg wird zweifellos insbesondere denen schwerfallen, die den Mund weit aufgerissen haben und sich ungehört fühlen. Denjenigen, die keine Helden am Krieg wurden.
Und weil man das Schweigen schlecht mit Worten darstellen kann, stelle ich Bilder einer Sirene vor.