Polaritäten
Julia Franck
 

 

 

22.3.1999


 

 

In Polaritäten zu denken, hat schon seit Erfindung der Vernunft das geistige Gebärden der Zweibeiner in sichere, weil leicht erkennbare Bahnen gelenkt.
Eros wollte noch nie anderes als sich dunkel und heimlich im Finsteren und Unheimlichen der Süße und dem Klingen, dem Schmatzen und Verdingen, kurz, allen Innenwerdungen und animalischen Begegnungen hingeben. Daher durften die letzten Verführerinnen Odysseus‘, diejenigen, die ihn in eben diese dunkle Tiefe zu Lust und Geilheit verlocken wollten, auch nicht einfache Frauen, Schwimmerinnen vor Griechenlands Küste sein, nein, zwielichtige Gestalten wanden sich vor Odysseus Bug, Hybriden, Wesen, die zwar im Wasser hingen, aber doch als eine Mischung von Frau und Vogel beschrieben werden.
Während Ratio sich im Licht des Eros sehen lassen konnte, an ihm messen und sie sich gegenseitig zur Erscheinung verhelfen können, benötigte Odysseus eine Handvoll Sirenen, um ein rechter Held zu werden.
Odysseus mußte sich freilich im Schweiße der Erwartung dieser Lustwesen und Verführerinnen voll und ganz auf Kirke verlassen, die ihrem Namen alle Ehre machte und Odysseus warnte. Ihrer Verheißung mußte er trauen und glauben, daß es sich bei den Sirenen um unwiderstehlich betörende Wesen handelte, sonst hätte er sich mit all seinen Schutzmechanismen vor den Göttern und den seligen (vielleicht aber auch nur desertierten) Kollegen zum Deppen gemacht. Angekettet und mit Wachs in den Ohren hätte er stundenlang an seinem Mast verharrt (wie ein SM-Liebhaber dabei posiert), in Erwartung, die Verführerinnen würden jeden Augenblick aus den Fluten auftauchen und ihre Stimmen erheben, die Augen hätte er sich ausgeschaut, und lächerlich dreingeschaut, wenn auch nur einer der Götter in unvorhergesehener Reihenfolge ihm ein anderes Abenteuer präsentiert hätte – oder eben keines.
Man kann sich das auch so vorstellen: Die Götter hielten sich in den Fluten versteckt und haben die Sirenen eigens für Odysseus erfunden, um ihn zu foppen. Als der sich mit seinen Mannen näherte, kühn den Blick aufs Meer gerichtet, da hielten sich die Götter ihre Bäuche vor Lachen, denn Odysseus‘ Verkleidung, die paar Ketten, die schienen ihnen doch zu possierlich – als hätte der gute nicht mit einem Ruck alle Ketten lösen können. Odysseus aber, der nur hin und wieder ein Aufquietschen von Apoll, Athene oder Aphrodite (oder auch geringeren Göttern, wie Skylla, die sich schon auf ihr bevorstehendes Abenteuer freute) vernahm, bei all seinen Liebsten diese aber wahrlich nicht nach dem Quietschen unterscheiden konnte, und gleich erst mal dieses durch das unterdrückende Lachen entstehende Quietschen für den Gesang der Sirenen hielt, was die Götter mit Sicherheit nicht ernster werden ließ, sonnte sich in der Gewißheit, vor den Göttern und allen Menschen zum Held zu werden. In Wirklichkeit hat er aber nur Homer überzeugen können. Immerhin. Geschichte. Und die Götter sollten ihm zeitlebens nichts von seinem Irrtum verraten. Alberne Bande, die Griechen. Oder die Götter nötigten Odysseus ein Abenteuer auf, das unser guter alter K. sich schon längst als das quälendste erdacht hatte: Wie, wenn Odysseus sich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte (die er, ganz Held, stellvertretend für alle Helden dieser Welt zu Verfügung gehabt haben soll, und die entsprechend dieser Stellvertreterrolle nichts als kindisch und unzulänglich waren, was uns heute ja überhaupt an dem ganzen Vorgang zweifeln lassen muß), alle Schutzmaßnahmen ergriffen hätte (sinnlose, ohnehin), die Sirenen aber, glücklich mit sich und im Nichtwissenkönnen von Odysseus und jeglichen seiner Absichten und Belange, halb irritiert und erstaunt über den so gerüsteten Seefahrer das Singen vergaßen und aus dem Schweigen nicht mehr herausfanden ("Das Schweigen der Sirenen" von Kafka).
Warum sollten die Sirenen Odysseus verschont haben? Wesen ohne Bewußtsein, können die jemanden verschonen? Können sie vergessen zu schweigen? Sind sie nicht einfach stumm? Unverhersehbar, unwillentlich, unschuldig stumm? Ganz gewiß hätten Odysseus Mittelchen nichts gegen den Gesang der Sirenen ausrichten können, gar nichts, sonst wäre es schon vor seinem Entstehen um den Mythos geschehen (man wäre geneigt, alle vorigen Heldentaten Odysseus‘ arg in Zweifel zu ziehen) – verfallen wäre er ihnen, ihnen zugefallen, in die Fluten hätte er sich geworfen. Es wäre auch mehr als lachhaft, wenn seine eigenen Gefolgsleute mit einfachen Fesseln unseren Odysseus hätten anketten können – wozu hat er uns all seine Kraft in den Abenteuern bewiesen? Unglaublich, das. Und auch seine Mannen (Wachs, pah, als hätte das den Gesang der Sirenen abhalten können), hätten sich kopfüber in die Fluten und den Sirenen in die Arme geworfen und wären selig, weil von sich selbst erlöst, darin ertrunken. Gestorben, ja, wären sie das?
Sie schwiegen gedankenlos. Da hätte sich Odysseus in seinen Fesseln drehen und wenden können wie er wollte, sie hätten ihm von Angesicht zu Angesicht Motivation und Lohn seiner Heldentat verweigert.
Aber für uns gedacht: Die Nachwelt quält sich doch noch immer mit der Furcht, es könne nur einen geben, der sie singen hörte und überlebte, und der eine ist immer der andere, Oysseus nämlich, und das erscheint uns offenbar so unterträglich, daß wir die Berührung des Vorüberziehens ein ums andere Mal wiederholen, und noch einmal und nocheinmal und nocheinmal. Und sie dürfen singen, sie sollen schreien, sie müssen heulen. Wir können ja gar nicht genug Odysseuse hervorbringen, einjeder Hanswurst hält sich doch heute dafür und probt seine Heldenhaftigkeit an kleinen und weniger kleinen Abenteuern. Und die List wird zwar nicht feiner, aber auch nicht milder, und unsere Waffen werden nur teurer, nur teurer?, und die Worte nicht mächtiger, und die Sklaven, die sich das Wachs in die Ohren stecken, um sie gar nicht erst hören zu müssen, – wir, wir werden nur zahlreicher.
Und rudern weiter.
Und eines Tages, wenn die Gefahr überstanden ist, werden wir uns an unsere Helden wenden und fragen: Habt ihr sie gehört, die Sirenen? Habt ihr sie gehört? Und unsere Helden werden sich stolz auf die Brust schlagen können: Natürlich haben wir sie gehört. Noch als kein Lebewesen mehr zu sehen war, kreischte ihr Heulen und Singen durch die Luft unter uns.
Man fährt über Meere und manchmal gleich durch die Luft und läßt die Sirenen heulen, daß es einem das Mark zu den Trommelfeldern herausdrückt. Und hat man vom Heulen genug, wirft man Netze aus, die kleinen Vogelviecher zu fangen, dann trocknen sie an Deck eines Luftschiffes, bis ihnen die Kehle so rauh geworden ist, daß nur Stille noch den Überschall einholt, mit dem man sie aus ihrem ach so weichen Gewässer gefischt und von ihrem ach so unverletzbaren Lebensraum verrückt hat. Na, Sirenchen, ist es nicht viel schöner hier? Sieh, hier gibt es Helden, rechte, die dir trotzen, deinem Todesgesang einfach entsagen, dich höchstens einfangen, aber meistens singen lassen, oder schweigen, wie du willst. Aber was kann eine Sirene schon wollen, so ein Wesen, das nichts weiß, was kann sie schon wissen wollen?
Was bleibt dann noch von all der Süße, der Lust und Gefahr? Fragen wir mal Sirene.
Aber wir Sklaven werden unsere Helden fragen: Woher sollen wir wissen, daß es Sirenen wirklich gibt? Wir hören sie nicht.
Und wir Helden werden unseren Sklaven antworten: "Wir haben sie mitgebracht, die kleinen Wesen, die kein Land mehr haben, hier seht ihr sie. Wir haben sie bezwungen, und erst gerettet gehören sie uns ganz. Und seht ihr ihren Schmerz?”
"Wie sollen wir ihren Schmerz sehen?”
"Hört ihr nicht ihr Schweigen?”