Schädelschaft. Eine Vanitasroutine
Aris Fioretos

 

 

 

27.12.1999


 

 

Herrschaft? Nein, dann wohl eher Hauptschaft. Früher einmal jedenfalls. Über Stadt und Land – von Pol zu Pol – wie eine Schlange, die sich selber in den Schwanz beißt. Alles unter Kontrolle. Ein wahrer Atlas. Der Globus gleichsam angeschmiedet auf den Schultern. Den Schädel auf dem Schaft, den Hut etwas schräg, eine noble Pose einnehmend… oh, das waren noch Zeiten. Im leichten Winkel gegen die Ewigkeit. Besonders kleidsam. Jetzt aber sitze ich hier. Still wie Schlaf. Ich werde mich nicht rühren, wenn ich nicht muß. Der Hut auf dem Boden, die Kugel in den Händen begraben. Auch eine Deposition. Mein letztes Kapital, um die Wahrheit zu sagen. Und dafür kann ich mir nicht viel kaufen. Eine einfache Fahrkarte, wenn es hoch kommt. Hin, aber wohl kaum zurück. Nein, nicht zurück. Nie im Leben. Nördlich der Zukunft wohl eher. Die große Abstraktion. Erst bleich, jetzt aber beinfarben. Bald weiß. Und dann fort. Für immer und ewig. Ohne Gesellschaft und Komfort. Die letzte Reise, wenn man so will. Kein Gepäck. Oder doch, diese Last hier. Etwa zwei Kilo zu schleppen. Oder um genau zu sein: 69 Unzen. Das heißt: 19,6 Hekto. Keine Kleinigkeit, wenn man’s genau bedenkt. Das fanden auch die Herren Doktoren, als sie es taten. Wogen und bedachten. Für 2000 Pfund wechselte es den Besitzer. Das war ein gutes Geschäft. Seiner Zeit jedenfalls. Und könnte es immer noch sein. Aber dazu nicke ich keinen Beifall. Heute weiß ich es besser. Das Geld drückten sie mir in die Hände, diese Hände hier, dann lächelten sie breit und unergründlich, darauf verabschiedeten sie sich eiligst. Kultivierte Männer. Da läßt sich nichts sagen. Bailey, Craford, Osian und… Carlton war es. Carlton Sr. Sie bezahlten, sahen aus wie Sphinxen und gingen. Ohne zu feilschen. Alle Ehre. Männer nach meinem Geschmack. Zufrieden, den Artikel wie gesehen zu bekommen, sobald ich dahingegangen sein würde. "Nicht einen Tag früher, Herr Bottle, nicht einmal einen halben.” Um was es ging? Diese Hemisphären hier natürlich. Die Substanz in meinen Händen. Zwei Kilo Nerven, Zellen und Wasser. Mein graues Kapital. Das mag etwas exzentrisch erscheinen, aber man bedenke: was hatte ich schon zu verlieren? Und schenkt man denen Glauben, die sich über meine Aussichten lustig machten, hatte ich eh schon das Recht auf eine Zukunft verloren. Heute steht immerhin fest: ich lache zuletzt. Sämtliche Käufer sind gestorben, einer nach dem anderen. Niemand kann noch Anspruch auf die Ware erheben. Das Hirn, das noch nicht in andere Hände gelangt ist, bleibt in meinen. 2000 Pfund in der Tasche und ebenso viel Gramm zwischen den Ohren. Den Kopf noch auf dem Schaft und nicht unter dem Arm, was? Es hätte schlimmer kommen können, oder? Nein, nein. Nie im Leben. Hätte es nicht. Das will ich mit einem Mal gesagt haben, bevor noch jemand irgend eine kopflose Idee hat. Ich beschäftige mich nicht mehr mit Überraschungen. Keine neuen Tricks im Stil von tam-ta-ram, ihr-habt-euch-das-so-gedacht, es-ist-aber-so, nicht-einschlafen-eh-aufgepaßt. Statt dessen habe ich vor, direkt zur Sache zu kommen, es auf den Punkt zu bringen, die Quintessenz des… wie heißt es… ans Eingemachte, meine ich. Das ist also der Kern der Story, der Punkt, um den sich alles dreht: das großartige Haupt, in dem ich einst wirkte, ist heute die reinste Ruine. Ich bin verwüstet. Vernichtet. Gebrochen. Das ist die nackte Wahrheit. Am Ende. Kann es nicht anders sagen. Verrückte Welt, dachte ich zu jener Zeit. Sein Gehirn gegen Vorauszahlung zu verkaufen – als veräußere man seine Seele an irgendeine behaarte Gestalt. Gedanken dieser Art. Warum hast du nur, etc. Grübeleien in diesem Stil. Welch schwachsinniger Schutz. Wenn es hoch kommt ein arktisches Lächeln wert. Nicht mehr. Wahrscheinlich weniger, wahrscheinlich nichts. Doch zu jener Zeit erhob ich solche Einwände. Schwer zu glauben, so kraftlos wie ich war. Ein Scherz. Nachdem ich eine Weile überlegt hatte, hob ich deshalb hervor: Aber Bottle, mal im Ernst, macht es noch Witz? Das war ein guter. Ich hatte so meine hellen Minuten. Der Scherz war kein Witz. Das gefällt mir. Dennoch fuhr ich unberührt fort: Du kannst es während deiner Zeit auf Erden behalten. Im Großen Später wirst du dich kaum weniger drum scheren können. Zeig’ ein wenig Geschäftssinn und schlag zu. Das war sogar noch besser. Den Nagel auf den Kopf. Touché. Kapital ist Kapital, pflichtete ich bei, wie ein leibhaftiger Slapstick-Faust… und schloß den Pakt. Du lieber Himmel. Meine Eitelkeit war groß, gell. Aber es stimmt schon, mein Name war in aller Munde. "Der Mann, der nicht vergessen kann.” W. J. M. Bottle, geboren in Newnham, Kent, im Jahre des Herrn 1875, ausgestattet mit einem bedeutenden Gedächtnis. Zu jener Zeit wäre es gegen meine Natur gewesen, kein Kapital aus meinen Aktiva zu schlagen. Schädelgeschicklichkeit nannte ich das. Nicht weniger als hundert Prozent Wiedergewinnung. Ein idiotensicheres Gehirn. Nur wenige Sterbliche können Anspruch auf mehr erheben. Und in so schwerwiegender Umgebung? Noch weniger. Also ließ ich mich auf das Geschäft ein. Sicher wie ein Idiot. Kein Wunder, daß ich bekam, worum ich gebeten hatte. Kopfzerbrechen, versteht sich. Ein Durcheinander von Gottes Gnaden. Obwohl, das eine muß ich sagen: allzu verwunderlich ist es nicht, daß die Ärzte in ihren Geldbörsen kramten, sobald sie die Untersuchung durchgeführt hatten. Es dürfte allgemein bekannt sein, daß das Zerebrum bei einem Neugeborenen etwa 200 Gramm und bei einem erwachsenen Mann etwa das Fünffache wiegt. Couviers Gehirn war ein weiches und warmes Ding von 1,7 Kilo, während Napoleon, groß in allem außer der Länge, eine fünfzig Gramm leichtere Zentraleinheit besaß. Charles Peace, jener Verbrecher, der seinem Namen zum Trotz halb England in Furcht und Schrecken hielt, wurde auf seinen Raubzügen von einer grauen Masse von ungefähr 1,6 Kilo begleitet. Mit anderen Worten: meine Substanz hatte historische Proportionen. Das stand nun wirklich fest. Ein Hirn wie Stahl. Gravitas mit wahrer Schwere. Die Größe ist nicht alles, meinte ich zu den Ärzten, ließ sie aber dennoch ihr Vergnügen teuer bezahlen: ein Pfund das Gramm. Erkenntnisse neuerer Zeit haben gezeigt, daß möglicherweise ein paar Mark extra für ganz besonders wichtige Gramm dringewesen wären. Aber zu jener Zeit fehlte mir der Einblick in die Materie. Später bekam ich natürlich den Blick eines Insiders. Man bewegt sich ja so durch das Dasein, nicht wahr? Ob man will oder nicht, bleibt einiges hängen. "Daten”, das sagt sich von selbst. Wie zum Beispiel verschiedene Bezeichnungen für Schnee. Oder die Namen unterschiedlicher Arten von Rippen, historische Frauen und anderes. Oh, was beinhaltet nicht alles ein Name. Der aktuelle Preis von – von mir aus Äpfeln, oder sonst was. Oder die Entfernung zwischen Nau und Nevers. Der wirkliche Inhalt von Pandoras Büchse. Oder aber auch: die Zahl der Buchstaben in der Heiligen Schrift. Dinge dieser Art. Das Bewußtsein ist ein Netz, durch das die Welt gesiebt wird. Alles hängt davon ab, wie eng die Maschen sind. Man nehme zum Beispiel meine. Äußerst fein. Größte Dichte. Würden nicht eine Mikrobe verlieren, selbst wenn sie wollten. Das reinste Kunstwerk. Waren sie jedenfalls. Jetzt ist das wohl etwas anderes. Da bin ich gleicher Meinung. Darauf werde ich zurückkommen. Eins nach dem anderen. Das habe ich immer gesagt. Eins nach dem anderen und alles zu seinem Recht kommen lassen. Schon in jungen Jahren machte ich also meine große Entdeckung. Offenbarung ist vielleicht ein besseres Wort. Lassen Sie es mich einfach ein Glücksgriff nennen. Nehmen wir einmal an, daß ich in den Besitz einer Broschüre über eingezäunte Parkanlagen oder eine Hommage an Lady W., die Unvergleichliche, kam. Auch lange Zeit später konnte ich mich noch an alles erinnern, was ich gelesen hatte. Namen, Besonderheiten, Details… sogar an Textur und Tendenz der Erinnerung selbst. Ich brauchte bloß zu flüstern "Sesam, öffne dich”, schon traten die wundersamsten Geschehnisse durch die Pforten des Gedächtnisses hervor. Mein Kopf war eine Schatzkammer und ich ein wandelnder Kalender, ein Bankier der Erinnerungen, oh, der einzige Fahrplan aus Fleisch und Blut. Manche nannten mich schlicht König Erinnerung. Den Containerentertainer. Ich fand, das ging ein wenig zu weit. Mister Memory war ein Name, der mehr nach meinem Geschmack war. Ziemlich flott, nicht wahr? Ich ließ sogar das Monogramm auf meine Hemdsbrust und auf den Hutrand sticken. M. M.: ein kleiner Wink, daß es noch "mehr und mehr” aus der Schatulle zu holen gab, die mir zur Verfügung stand. Oh, das waren noch Zeiten. Solide Einnahmen. Imponierende Breite. Eine Prominenz ohne gleichen. Endlose Erinnerungen. Nichts entging mir. Ich hatte vielleicht kaum mehr als eine Ahnung vom wahren Umfang meines Wissens, aber ich brauchte bloß eine Nummer zu beginnen, schon häuften sich Muster und Details wie Staub um Stuhlbeine. "Sich sammeln”, nannte ich das, dieses behutsame Zurückrufen von Daten. "Gedankenbilder” halfen mir dann, die Information in Konstellationen zu komponieren. Auf diese Weise konnte ich, unverzüglich, den Abstand zwischen zwei Begebenheiten, die Tiefe einer Quelle, den Winkel eines Verlaufs bestimmen. Was bedeutet Erkenntnis, wenn man so Bescheid weiß? Dies war die Geometrie des Verschwundenen: die Rekonstruktion dessen, was gestorben, erloschen, verlorengegangen war. Eine wirkliche Spektralanalyse. Nur Punkte, Linien und Verbindungen, unbefleckt wie das Gewissen der Unschuld. Die perfekte Vergangenheit. Waren die Bildungen dann einmal entstanden, bekamen sie ein Eigenleben und schwebten frei wie Staubwolken in schlankem, silberfarbenem Licht – Gedankenmobile, in der Luft zusammengesetzt aus Plänen und Partikeln. Im Grunde alle Arten von Formen. Mein Gehirn war geräumig wie eine Urne. Da gab es keine vorausgefaßten Meinungen. Ob groß oder klein, lang oder kurz, das meiste fand Platz. Wenn ich daran denke, was alles in ihr begraben war… Das Kranium selbst war zwar nur eine dünne Mauer um den Kern der Schöpfung. Es lagen aber Welten dazwischen. Im Innern war alles so unberührt wie am siebten Tag: jedes Ding, jedes Ereignis hatte seinen Namen und Platz. Die klarste Vielfalt aus Windungen und Schichtungen, mnemonischen Falten und Furchen, Lagen aus feinstem Stoff. Weggestellt, dennoch unmittelbar zugänglich. Die Daten wurden aus Taschen lieblichster Nichtigkeit gewickelt, wie kleine Origamifiguren hervorgezaubert aus phantomartigem Papier, das nichts anderes enthielt als Leere und Fläche. Wie ich diese Augenblicke genoß. Ich konnte mich einem niemals versiegenden Strom aus Fakten hingeben; mich in vollen Zügen am Reichtum und der Pracht der Details laben; mich an der Fülle der Einzelheiten erfreuen; mich im samtweichen Überfluß des Gedächtnisses suhlen. Dem Publikum zuliebe konnte ich abgeschriebene Fälle, verlorene Augenblicke, gottvergessene Geschicke und Sitten ins Gedächtnis rufen. Dann führte ich kleine Schauspiele in den wechselnden Eigenschaften, die die Situation verlangte, auf. Ären und Epochen, Boxer, Gangster und Regenten, Bräuche, Traditionen und Manieren, die vor langer Zeit aus Gleichgültigkeit oder kollektivem Gedächtnis verlorengegangen waren… nichts war mir fremd. Ich holte die erforderlichen Requisiten aus meinen mentalen – Depots, ist wohl das richtige Wort. Dort jedenfalls bewahrte ich meine Daten auf. Jede neue Bissen Information war wie eine Mahlzeit. Manche konnten so raffiniert komponiert sein wie Menüs mit fünf oder sieben Gängen. Andere wiederum erinnerten eher an hastige Mahlzeiten, episodisches Zubrot, ein Mundvoll aus fremden aber anregenden Erlebnissen. Dennoch nahm ich jede Begebenheit mit dem gleichen Appetit auf. Mister Memory, der wimmelnden Erinnerungen Metaboliker, der Verdauer geistiger Kost. Der wahre Meister der Mnemotechnik. Behandle dein Gehirn wie einen Schlund, und du brauchst dich nur noch wegen der Knochen der Ewigkeit zu beunruhigen, pflegte ich zu sagen. Meins hatte gute Eckzähne. Ohne weiteres konnte es das meiste Nachdenken verdauen, wenn ich so sagen darf. Kein Vergleich zu heute. Obwohl das Volumen ständig zunahm, wuchs der Umfang der Substanz nicht. Ganz im Gegensatz zu meinem Körper, der, wenn man ihm Nahrung zuführt, die Neigung hat, zuzulegen. Ich konnte meinen Apfel essen und ihn trotzdem noch haben. Unglaublich, nicht wahr? Manchmal schien es zu klingen wie Laken, die sich auf Sargdeckel senken, was da drinnen im Bauch der Erinnerung vorging. Ein kaum hörbarer, gleitender Laut aus leichtestem Samt, der andeutete, daß ein empfindsames Datum sich zu einem verwandten gesellt hatte. Bei anderen Gelegenheiten erinnerte es eher an Windstöße, die durch die Nacht ziehen und sie braun und hohl wie einen Zahn werden lassen. Das war meistens der Fall, wenn das eine oder andere Verhältnis unwiderruflich geworden war. All diese Arrangements hatten jedoch ihre besonderen Eigenheiten und Kennzeichen. Insgesamt bildeten sie eine Region ohne Schatten. Ein Königreich aus festen Fakten und feingliedrigen Figuren. Alles war wie frischestes Fruchtfleisch. Genau wie ich es haben wollte. Dies war meine Schädelschaft und ich – ich war ihre Eminenz. Bis zu jenem schönen, schauerlichen Tag, wohlbemerkt. Plötzlich, aus dem Grau, ließen sich Details nicht mehr zu Formen und Figuren fügen. Statt dessen zerstreuten sie sich in Mustern mildester Panik. Gesten wie insektenschnelle Gespenster. Beinfarbene Konturen, sprunghaft wie statische Elektrizität. Febril und flackernd. Bei einer Gelegenheit brauchte ich zehn Minuten oder mehr, um die Antwort auf eine Frage zu geben. Jedenfalls länger als jemals zuvor. Da begriff ich, daß ich Probleme am Hals hatte. Es spielte keine Rolle, was ich versuchte, mir in Erinnerung zu rufen. Das einzige, was ich vor mir sah, war der Gedankengang, der sich durch die Schädelschaft bewegte. Oh, ich hätte das ganze aufgeben sollen, dort und damals. Den Gedanken vergessen, auf den Kopf pfeifen sollen. Sie die Sache unter sich ausmachen lassen. Aber wie hätte das ausgesehen? Statt dessen verließ ich mich auf meine Routine. Suchte ein Fragment nach dem anderen hervor, fügte Stück zu Stück hinzu und hoffte, so die richtigen Voraussetzungen für das Bild zu schaffen, das ich mir zu machen suchte. In der Zwischenzeit schmückte ich eine kleine Geschichte aus – um das Publikum daran zu hindern, Verdacht zu schöpfen. Der Punkt dabei ist, die Abschweifung inhaltlich so interessant zu gestalten, daß man nicht die Aufmerksamkeit der Zuhörer verliert. Gleichzeitig muß sie in ihren Konturen so vage bleiben, daß sie allmählich mit dem Bild verschmelzen kann, das beginnt, im Inneren deutlich zu werden. Auf diese Weise erscheint das Nebengleis schließlich wie eine Hauptstrecke. Gott sei Dank funktionierte der Trick immer noch. Wieder einmal konnte ich die Ovationen entgegennehmen, die schon immer mein Lebenselexier gewesen sind – dieses weiche Wabern, so gleich Lachen oder Getränken, die ausgeschenkt werden. Aber später merkte ich, daß alles seinen Preis hat. Langgezogen und drahtartig schraubte sich ein Schmerz durch den Kopf. Ich war gezwungen, mich zur Ruhe zu begeben. Den Schmerz zu lindern. Das Hirn zu beruhigen. Die Situation war dabei, mir aus den Händen zu gleiten. Heute weiß ich, daß dies der Anfang vom Ende war. Ich hatte eine Schwelle überschritten. Und nicht nur das. Mein Gedächtnis schien einen gewissen Grad von Sättigung erreicht zu haben. Mit ihr kam… das Ungeziefer? Die Parasiten? Die mnemonischen Dämonen? Ich weiß nicht, wie ich die verschämten Schatten nennen soll, die sich nun in Falten und Windungen verbargen, sich in Spalten, Nischen und Ecken, Sprüngen, Rissen und Löchern sammelten. Die Menge der Daten ließ mir immer weniger Raum, auf dem ich mich bewegen konnte. Wie das Bewußtsein sich auch drehte und wendete, stieß es gegen Fakten, warf es Figuren um. Die Depositionen begannen zu gleiten und zu rutschen wie lose Ladungen im Bauch eines Schiffs. Djinnartige Konturen in trüben Farben. Ungefähr wie die bleiche Rückseite von Schatten. Hybride Formationen, die ihre geschwollenen Köpfe erhoben, sich im Licht des Gedankens drehten und anschließend in einer immer weißeren Leere verschwanden. Die Gestalten bewegten sich mit der ruckhaften Sicherheit von Blinden. Es war unmöglich, vorherzusehen, was als nächstes geschehen würde. Ich nehme an, das ist es, was man eine kritische Masse nennt. Der Punkt, jenseits dessen Kontrolle zur Chimäre wird. Wenn überhaupt. Weniger. Mein Gehirn war außer Takt, mein Kopf außer Form. Nun hatte jedes Detail, an das ich mich erinnern konnte, diese bleiche Prägung. Als habe es sich aus einem hohlen Wirrwarr von Bewegungen gelöst, zu dem ich keinen bewußten Zugang mehr hatte. Außerdem schien die Entstellung in mir nur noch zu wachsen, wie ein unscharfes Vakuum im Innern einer Verwirrung. Kurze Zeit später gelang es mir wieder nicht, den richtigen Hintergrund für eine Formation zu schaffen. Eine Art hervorgeschobenes Geschwulst wollte keinen Platz vor dem Horizont einnehmen, den ich nach einiger Mühe glücklich konstruiert hatte. Es erinnerte an einen Abfluß voller Haare, Seife und Hautschuppen unterschiedlicher Farben. Verstopfung, völlig klar. Ich konnte mich nur daran erinnern, daß mir schon einmal etwas ähnliches passiert war. Natürlich redete ich munter drauflos, während ich im Stillen mein bestes gab, um die Situation zu meistern. Aber jedes Mal, wenn ich die Ebene winkelte und glaubte, endlich die richtigen Voraussetzungen geschaffen zu haben, durchbrach der rohrförmige Auswuchs die Hülle. Es war wie verhext. Ich konnte seine richtige Relation zum eigentlichen Mutterkörper nicht bestimmen. Fast war ich schon bereit, aufzugeben – zu vergessen, mich zurückzuziehen – als mir schlagartig klarwurde, daß was aus dem Bild herausfiel, in Wirklichkeit vielleicht ein Teil von ihm war. Möglicherweise war die Form das eigentliche Thema, das ich vergegenwärtigen wollte? Die Nummer beanspruchte erheblich mehr Zeit als üblich. Ich war nicht ohne Sorge, die Gunst des Publikums zu verlieren und verwandelte deshalb die Digression in eine allgemeine Reflexion über mentale Reserven und kraniale Lasten. Aber schließlich… heureka. Es war, als nehme man einen Filmstreifen aus dem Entwicklungsbad und warte darauf, daß die ölige Haut, die zwischen Zeigefinger und Daumen tropft, endlich trocknet – bloß um plötzlich eine Hand zu sehen, die eine rückgratlose Folge von Kästchen hebt, die eine andere Hand zeigen, die… und so weiter. Ich kam nicht dazu, die Sequenz aus meinem Hirn zu verbannen. Und in diesem Moment verstand ich, daß es keine Hoffnung mehr gab. Der Schädel war offensichtlich ein Teil des Problems, nicht der Lösung. Die Kopfschmerzen hinterher lassen sich nicht beschreiben. Ich konnte von innen heraus einen Laut vernehmen, als breche man einen Apfel in zwei Teile. "Ses-”, konnte ich noch denken, bevor alles leer wurde. Später, ich weiß nicht wann, erwachte ich wieder zum Leben. Der Schädel war noch immer Teil des Bildes. In die Händen vor mir ausgeleert. Was tun?, dachte ich. Sich sammeln? Man sagt, daß Menschen, bei denen ein Bein oder ein Arm gelähmt wird, diese Gliedmaße nach einer Weile nicht mehr als Teil ihrer selbst betrachten können. "Nehmen Sie das auch noch mit”, rief ein Patient hier einmal einer Schwester hinterher, die gekommen war, um das Frühstückstablett zu holen und zeigte auf seinen leblosen Arm. Aber was soll der machen, der die Barschaft in seinem Kranium verkauft und das Geld verjubelt hat? So tun, als ob das nichts zu bedeuten hätte? Für wen? Ich frage ja nur. Ich konnte die Situation wohl nicht verlassen, mich einfach erheben und gehen? Ich hatte alle Hände voll. Keine Abdankung für König Erinnerung. Als wäre die Lage nicht schon schlimm genug, kam noch das Wissen dazu, nicht länger in einer Gedankenwelt versinken zu können, die mir selbst gehörte. Seit dem Verkauf hatte ich auf Dispens kogitiert, wer kann mir da ernsthaft einen Vorwurf machen, wenn sich meine Gedanken stur stellten? Der Container war besetztes Gebiet. So viel zur Gedankenfreiheit. Als ich begriff, daß diese einst so großartige graue Substanz weiterhin ihr bestes gab, um auch diesen Gedanken noch zu denken… du liebe Zeit. Verrückte Welt, gell. Bailey, Craford und die anderen hätten sich der Ware bereits dort und damals annehmen können. So wenig war noch mit dem Artikel los, den sie gekauft hatten. Das reinste Sammelsurium. Aber statt dessen blieben wir hier. Ich und mein Schädel. "Gehirnwäsche”, so hieß das. Ich verstand schon. Beruhige dich. Überlaß dich. Lade ab. Seitdem sind Menschen gekommen und gegangen. Und die Ärzte haben sich, wie gesagt, einer nach dem anderen von uns verabschiedet. Aber um die Wahrheit zu sagen: Die Stille hier hat gutgetan. Wie Balsam für die Seele, wirklich, wie Labsal für die Gedanken. Und die Isolierung… eine Art Korken, glaube ich. Keine unnötigen Störungen. Alles still. Nur wir zwei. Strengste Order, keine überflüssige Eindrücke aufzunehmen. Als ob ich dazu noch Lust hätte. Es reicht mit den Erinnerungen, sozusagen. Es reicht wirklich, um genau zu sein. Keine weiteren Daten, wenn ich bitten darf. Aber dann hatte ich die Idee, mich zu sammeln, nicht wahr, alles zurechtzulegen und meine Geschichte zu erzählen – der Form halber, wenn schon aus keinem anderen Grund. Die Eitelkeit ist das Letzte, was einen verläßt, soviel steht fest. Ich hätte statt dessen ein Loch in den Schädel bohren sollen. Wie dieser Typ da in Amsterdam. Joe Hughes, hieß er nicht so? Der mit dem Druck nicht klar kam und einen Bohrer an die Stirn setzte. Schuf eine kleine Luke und zapfte verunreinigte Hirnflüssigkeit ab. Ein Ausweg, nicht wahr? Ein Fenster zur Welt. Das könnte gereicht haben… ein ordentliches Durchlüften jedenfalls… dann hätte ich mich wieder umsehen können. Ohne Druck, sozusagen, aber trotzdem intakt. Frisch wie am Schöpfungstage. Statt dessen war ich gezwungen, das alles von mir zu geben. Welch Routine… Nun kann ich spüren wie die Gedanken auslaufen. Trümmer und Scherben alles. Oh, ich hätte niemals anfangen sollen. An wieviel kann man sich erinnern, bis man entdeckt, daß die Erinnerung einen in einem Kreis führt, der wie eine Schlinge zugezogen wird? Man kann sich den Kopf wegen weniger zerbrechen. Eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt? Eher wie ein Wurm, der sein eigenes Hinterteil in sich hineinfrißt. Schließlich muß er die Zähnen ins Hirn schlagen. Dann ist alles vorbei. Die Erinnerungen haben den Raum verschluckt, den es braucht, um sie hervorzubringen. Form ist endlich Inhalt geworden… Und man selbst? Nach innen gewandt, oder? Eher als befinde man sich außen und schaue hinaus. Kein Container ist groß genug für eine solche Geschichte. Nicht einmal dieser. Kein Wunder, daß Risse entstehen. Nachdenklichkeiten – das ist es, was die Sache letztlich entscheidet, nicht wahr? Umzudenken. Oder über. Aufs neue. Wieder. Sachen dieser Art. Ein Nest voller Djinns, ist es. Eine Flasche mit Geistern. Wenn der Deckel einmal weg ist, gibt es keine Ruhe mehr. Welchen Nutzen habe ich davon, zuletzt zu lachen? Du glaubst, daß du deine Vergangenheit beherrschst, aber das stimmt nicht. Einst ihr Wächter, bist du jetzt ihre Geisel. Von so etwas erholt man sich nicht. Da wird man nur zurückgeholt. Keine Kompositionen mehr, es bleibt nur noch Dekomposition… König Erinnerung, eh? Eher König Ohnmacht. Gebrochen und geborsten. Ausgezählt. KO, wie man so sagt. Welch eine Deposition. Ein zerbrochener Bottle unter alten Erinnerungen… Habe ich’s nicht gesagt? Leer gemacht.

Aus dem Schwedischen von Paul Berf