Sang Froid
Aris Fioretos

 

 

 

13.12.1999


 

 

Nimm das Temperament eines komplexen Oktopus an,
der so aussieht wie jedweder Fels, dem er anhaftet.
Theogenis


Einst boten "Schweigen, Exil und List”, jene berühmte, von Joyce empfohlene Dreifaltigkeit von Tugenden, den Autoren lebensfähige Strategien. In den Augen heutiger Schriftsteller jedoch, die in einer Welt kämpfen, in der ein aufgeblähter Literaturmarkt den Salon ersetzt hat und das Wort "glocal” so drohend lärmt, daß Schweigen überhört und Exil unmöglich wird – scheint nur die List ungeschoren davongekommen zu sein. Erlauben Sie mir, Ihnen einige Überlegungen zu dieser unermüdlichen Tugend zu präsentieren, die wir heute vielleicht dringender brauchen als je zuvor. Um meine Mutmaßungen ansehnlicher zu gestalten, werde ich sie in das Gewand entschieden minderer Gottheiten kleiden, unter anderem der Geduld, der Gelassenheit und der Idiosynkrasie – die, wie ich meine, alle Aspekte zu jener List beisteuern, die Homer, der entfernte Urahne von Joyce, einst als polútropos bezeichnete und seinem Helden Odysseus zuschrieb, jenem Mann, der "gewandt in mancher Hinsicht” war.

Ich beginne mit einer Anekdote. Die Krankheit, die später unter dem Namen Spanische Grippe bekannt werden sollte, fuhr vor achtzig Jahren in wenigen Monaten eine Ernte von zwanzig bis vierzig Millionen Menschenleben ein – bei weitem mehr Menschen, als im Ersten Weltkrieg gestorben waren. Mir scheint, daß nur wenige Ereignisse dem, was wir den "Zeitgeist” nennen, besser entsprechen, diesem vage belebenden Federstrich, der selber kurzatmig doch lange Schatten wirft. Später isoliert, untersucht und klassifiziert, wurde das h1n1-Virus durch Menschen verbreitet, die die gleiche Luft atmeten, zusammen schliefen, aßen und miteinander sprachen. Es suchte praktisch jeden Winkel des Globus, ländliche Gegenden ebenso wie Metropolen, so schnell und gewissenhaft heim, daß Straßenbahnen in Leichenwagen umgewandelt und aus Mangel an Särgen Massengräber ausgehoben werden mußten.
Wenn die Theorie stimmt, die von Kirsty Duncan und ihren Kollegen vom "National Tissue Repository” (Zentrale Erfassungsstelle für Gewebeproben) in Bethesda, Maryland, entwickelt wurde, könnte das Virus ein paar Fuß unter der Erde in Longyearbyen, einem einige tausend Kilometer südlich des Nordpols auf der norwegischen Insel Svalbard gelegenen Dorf, intakt überlebt haben. Am Fuße eines immerweißen Hügels sind auf dem dortigen Friedhof die Körper von sieben norwegischen Bergleuten begraben, die Anfang Oktober 1918 starben. In der Tundra, an einem Ort also, wo der Permafrost den Boden niemals freigibt, kryogenetisch gesichert, könnte das Virus im Zellgewebe toter Menschen die Zeit überdauert haben. Wenn dem so ist, könnten die sterblichen Überreste der sieben Bergleute dank moderner Biotechnologie als Abgesandte aus einer anderen Welt wiederkehren und uns Neues über den tödlichsten Feldzug einer Grippewelle berichten, der der Menschheit bekannt ist. Zumindest ist das die Hoffnung von Duncan und ihrem Forscherteam, die Proben aus diesen Körpern gebohrt haben und nun vorhaben, das Zellgewebe aufzutauen, um so das geduldige Virus aus seinem Körpergefängnis zu befreien.
Ich vertraue darauf, daß die Schriftsteller unserer Zeit von diesem Beispiel lernen können. Natürlich nicht, daß es ein Teil ihrer Arbeitsbeschreibung ist, Leser zu töten, wie wenige und wie weit entfernt sie auch sein mögen, sondern daß ihre literarischen Werke wie das h1n1-Virus lebendig genug sein sollten, um ansteckend zu bleiben. Wenn es einem Buch nicht gelingt, dem Menschen, der es in Händen hält, unter die Haut zu gehen, dann hat es dort nichts zu suchen. Es sollte die wahre Berufung eines jeden literarischen Texts sein, das Immunsystem seines Lesers neu zu ordnen. Doch um diese Operation auszuführen, bedarf es etwas, von dem heute nur wenige Bücher – fette Bestseller und ausgemergelte Privatdrucke gleichermaßen – beanspruchen können, daß sie es in größerem Ausmaß besäßen: Geduld.
Für Schriftsteller, die immer mehr dazu übergegangen sind, sich selbst in Begriffen wahrzunehmen, die der Markt vorgibt, steht die Geduld eindeutig nicht an erster Stelle. Freud und Leid der Fußballfans, die ethnisch geprägten Herausforderungen des Lebens in den Vorstädten der gesamten westlichen Hemisphäre, die Apathie der Penner und die Emsigkeit der Hacker – in diesen und anderen Fällen literarischer Großtaten bestimmen die Inhalte den Tauschwert des Textes, oder – um einen Begriff einzubringen, der gegenwärtig eher en vogue ist: der "hip”-Faktor. Ungewöhnliche Erfahrungswelten werden erforscht und neue Philosopheme überprüft, ein technisches Vokabular erprobt und verschiedenen Arten abweichender Existenzformen nachgegangen, doch nur selten scheinen sich die Autoren bewußt zu sein, daß ohne das Einbauen raffinierter Widerstände – hier eine verwirrende Geste, dort ein irritierender Kurzschluß – in einer Welt schnellebiger Vergnügungen und augenblicklicher Befriedigung nur selten Dauerhaftes entdeckt werden kann.
In einem Gedicht von John Burnside – ich denke an das Titelgedicht seines Buchs A Normal Skin – wird die pathologische Identität einer Nachbarin beschrieben. Still und stoisch leidet sie unter empfindlicher Haut. Um ihre Existenz zu meistern, zerstreut sich die Frau, indem sie auf "Basaren und lokalen Festen” Uhren einsammelt, die sie nachts auseinandernimmt und dann vor sich auf dem Küchentisch ausbreitet:

Sie weiß, wie Dinge gemacht sind – das ist nicht der Punkt –
was zählt, ist die Ordnung, die sie schafft
und fixiert in ihrem Hirn.

Ich möchte die Behauptung wagen, daß die idiosynkratische Anordnung, wie sie von persönlichen Tics und Eigenheiten diktiert wird, die einzige Ordnung ist, für die es sich in der Literatur zu kämpfen lohnt. Wenn Schriftsteller heutzutage eine Mission haben, dann lautet sie, den Zeitströmungen zu widerstehen, ohne sich hinter dem faden Bollwerk "ewiger Wahrheiten” zu verschanzen. Zu diesem Zweck werden ein nüchterner Verstand, eine rasche Auffassungsgabe und kein geringes Maß an Selbstbeherrschung benötigt. Weil die Literatur selbstverständlich keine lindernde Salbe ist, womit der Markt sie beharrlich verwechselt, sondern eine Möglichkeit, wie jemand, der von den Ekzemen der Existenz geplagt wird, die Zeit totschlagen kann. Jedesmal, wenn das Leben einen durcheinander bringt, sollten Gelassenheit, Hartnäckigkeit und Beherrschung Vorrang haben. Die Texte, die so entstehen, schenken weder Trost noch Erlösung und heilen keine einzige Wunde. Doch sorgfältig nach ihren Einzelteilen zergliedert – "eine Karte von Zahnrädern und Triebfedern, in Reihen angeordnet / unsichtbar numeriert” – bieten sie eine Ordnung, die den Geplagten beschäftigen kann.
Burnsides dekonstruierte Sicht zeichnet ein Bild dessen, was Literatur, so vertraut und doch immer fremd, tut, wenn sie unsere Aufmerksamkeit erregt: Stillschweigend eine allgemeine Verschlechterung einräumend, leistet sie dem Verschwinden trotz allem Widerstand. Hier ist die Zeit in eine "Karte”, das heißt, in eine räumliche Darstellung übertragen worden, und für ein paar schwindelerregende Momente kann der Schmerz in die Koordinaten eines größeren, bislang unsichtbaren Systems verwandelt werden.

Was wir im Schmerz wünschen
ist Ordnung, den Eindruck eines Lebens,
das nicht zerstört werden kann, nur demontiert.

Aber auch wenn für einen Schriftsteller ausschließlich der erste verstörende Antrieb zählt – Überflutung oder Bruch, Verzückung oder Hinterlist –, nur das zweite Wort wird jemals zählen. Literatur ist die Suche inmitten von Worten, die bereits geschrieben sind für jene, die noch kommen. Unverzichtbar ist das instinktive Kalkül: dem Schmerz muß mit geordneter Zerstreutheit begegnet werden. Heutzutage aber legt man auf den Glauben an die der Qual entsprungenen Eingebungen, auf den Unwillen, sich mit einem nur fast gelungenen Ausdruck zufriedenzugeben, keinen gesteigerten Wert. Die Anstrengung, ein Detail auszuschmücken, eine unerwartete Redewendung auszuschlachten oder den Forderungen des Genres zu widerstehen, bleibt meist ohne Wirkung. Viel zu häufig werden solche Texte für weitschweifig, langatmig oder überfrachtet gehalten. Ihre Eigenarten sind zu schwer aufzulösen, ihre Erkenntnisse unmöglich festzumachen. Kurzum: als Produkt betrachtet sind Texte dieser Art zu anspruchsvoll geworden und werden angesichts der abschreckenden Produktionskosten daher auch nicht länger zum Konsum angeboten.
Wenn Literatur jedoch wirklich zählt, dann weniger des Gewinns als des Verlusts wegen. So lautet das Gesetz eines jeden Textes, der lesbar, das heißt unvorhersehbar, gemacht worden ist. Es gehört zu den Paradoxen der Literatur, daß sie unser Leben bereichert, indem sie von seinen Unzulänglichkeiten spricht. Trotz dieses üppigen Widerspruchs, in der Not so reich, sind literarische Arbeiten selten mehr als das Resultat eines plötzlichen Gefühls, einer Handvoll Irritationen und ein paar nüchterner Aperçus. Was sie dazu befähigt, uns dennoch zu beschäftigen, ist ihre Fähigkeit, diese Beschränkung wesentlich erscheinen zu lassen. In diesem Sinne dürften nur wenige Texte, die während dieser letzten Tage des zweiten Millenniums gedruckt werden, als wichtig empfunden werden oder als in enger Beziehung zum Zeitgeist stehend. Mindestens genauso bedeutsam muß man jene Texturen aus Sinn und Zeichen vergangener Epochen finden, die es immer noch schaffen, uns in ihrer verwegenen Art zu infizieren. Eine Redewendung Senecas, ein Marvellscher Reim, ein Ansicht bei Nabokov oder Lispector liegen mir ebenso am Herzen wie die Texte, die heutzutage um mich herum geschrieben werden – und nicht selten mehr als diese. Zu den Rechten des Schriftstellers hat es immer gehört, die schlechtsitzenden Verkleidungen abzuschütteln, die ihm von den Kritikern oder der Geschichte umgelegt worden waren. Die Freiheit, den Erwartungen nicht zu entsprechen, ist sein einziges, dafür aber bleibendes Vermögen.
Konsequenterweise kann das, was Literatur "in” sein läßt, nicht in ihrer Bereitwilligkeit liegen, mit ihrer unmittelbaren Umgebung in Zeit und Raum gleichgesetzt zu werden, sondern nur in der Geduld, mit der sie Eigenheiten über Jahre hinweg bewahrt. "Bedeutung” ist keine verderbliche Qualität, sondern die Einheit, in der wir den Widerstand messen. Merkurhafte Gedankensprünge, begeisternde Affekte, ausgelassene Eigenwilligkeit und glänzende Unaufrichtigkeit: diese Werkzeuge stehen dem Schriftsteller zur Verfügung, wenn er die Fallen stellt, mit denen er seine Leser zu überrumpeln hofft. Es gibt sogar Zeiten, in denen sich die Literatur totstellen muß. Aber auch Kaltherzigkeit ist eine Art, Farbe zu bekennen. Mallarmés Azur kann auch auf frostzerbissenen Lippen spielen.
Das einzige Privileg, dessen sich die Literatur heute rühmen kann, scheint mir zu sein, daß sie wie das h1n1-Virus weder neu noch modisch zu sein braucht. Dennoch muß sie wissen, wie sie lebendig bleiben kann. Literatur dieser listigen Art, die die liebevolle Wachsamkeit derer zur Schau stellt, die inmitten unseres Daseins Fremde bleiben, hat erkannt, daß sie nicht im Jetzt leben muß, um aktuell zu sein. Aber ungeachtet dessen, ob sie heute, gestern oder vor 1000 Jahren geschrieben wurde, muß sie ansteckend bleiben. Wir finden sie wenige Fuß unterhalb der unberührten weißen Oberfläche, kühl inmitten toten Zellgewebes den rechten Zeitpunkt abwartend, eine kunstfertig angebrachte Gefahr, die nur auf die Neugier des Lesers wartet, um erneut in den Kreislauf zurückzukehren. Wenn solche Lektüre, teilnehmend, doch kaum tröstend, eines Tages entdeckt wird, liegt ihre Aufgabe darin zu zeigen, daß ihre Rolle keineswegs ausgespielt ist. Was bleibt, kann nur Geduld, Gelassenheit und der ausdrückliche Wunsch sein, uns mit ihrer Daseinsart zu infizieren – oder anders ausgedrückt, mit einer Bezeichnung, die diese Überlegungen, ruhig und kühl nach allzu vielen nervösen Herzschlägen, angeregt hat: sang froid.

Ich habe versucht, den Nutzen kühler Beherrschung zu beschreiben, indem ich nacheinander Geduld, Gelassenheit und Idiosynkrasie, geordneten Wahnsinn und Hartnäckigkeit, Affekt, Gefühl und die glänzenden Formen der Unaufrichtigkeit angeführt habe. Nach meiner Rechnung ergeben diese Aspekte acht schimmernde Facetten der List, die einst von Joyce verfochten wurde. Ich hatte damit begonnen, seinen entfernten Vorfahr Homer zu zitieren, der Odysseus polótropos, "gewandt in mancher Hinsicht” genannt hatte. Um zum Ende zu kommen, gestatten Sie mir, auf die Bedeutung einer so vieldeutigen Gewandtheit zurückzukommen, die bisweilen sowohl schlüpfrig als auch unterirdisch sein kann. Vielleicht werden Sie nicht ganz überrascht sein, sie in ein weiteres, sagenumwobeneres Bild verwandelt zu finden: den Oktopus, den Theogenis, wie in meinem Motto zitiert, einst als "komplex” bezeichnete.
Sollten Sie es merkwürdig finden, dieses vielfüßige Tier im Zusammenhang mit einer Ansteckung der literarischen wie metaphorischen Art genannt zu finden, bitte ich Sie, sich die Kalypso-Episode in der Odyssee ins Gedächtnis zu rufen. Im 5. Buch des Epos wird Odysseus in der Tat mit einem Oktopus verglichen, dessen Findigkeit einer harten Prüfung unterzogen wird. Zwei Tage und zwei Nächte lang in die hohe See geworfen, wird Odysseus endlich am dritten Morgen "erfaßt von einer hohen Dünung” und erhascht einen unerwarteten Blick auf bewaldetes Land. Die Brandung jedoch "tobt wütend”, und gewaltige Wellen schleudern ihn gegen eine gefährlich "felsige Küste”. Homer räumt ein, daß Odysseus "bei lebendigem Leibe gehäutet, seine Knochen zersplittert” worden wären, hätte Pallas Athena ihm nicht eingegeben, an einen Felsen zu klatschen und diesen mit beiden Händen zu umklammern.
Verzweifelt nach Hilfe Ausschau haltend, klammert sich Odysseus an diese Felsplatte, eher wie ein anthropoides Virus einem neuen Zellgewebe anhaftend, und wird von wütenden Wellen gepeitscht. Schließlich erfaßt ihn die Rückströmung der Brecher "in voller Wucht” und wirbelt ihn erneut "hinaus in die See”. Endlich aber schafft er es, in die Mündung eines Flusses zu schwimmen, der nahe der Stelle verläuft, wo die tobenden Wasser weiterhin sein Leben bedrohen, und er ist gerettet. Kurz zuvor jedoch, als Odysseus noch einmal ins Meer geschwemmt wird, heißt es bei Homer:

Wie Kiesel, die in den Saugnäpfen eine Oktopus stecken
aus ihrem Versteck geschleift – so starke Streifen von Haut
aus seinen klammernden Händen gerissen im Antlitz des Felsens.

Man könnte vermuten, diese zerfetzten, zerstückelten Hautreste, dick wie die Kiesel, die in den Saugnäpfen eines Kalmars stecken, seien nur das Ergebnis einer ungestümen Begegnung mit hohen Wellen. Ich möchte jedoch vorschlagen, in ihnen auch eine Metapher für Buchstaben und Lettern zu sehen – für diesen ganzen alphabetischen Abfall –, die Schriftsteller auf entschieden sanftere, doch nicht weniger furchterregende Oberflächen verteilen: jene unberührte Küste, die wir ein Blatt Papier nennen. Zumindest wäre es verführerisch, diese menschlichen Trümmer als ein Zeichen dafür zu lesen, wie unerträglich leicht Literatur sein kann.
Wenn diese Analogie Ihnen für Ihr philologisches Wohlergehen eine Spur zu gewagt erscheint, sollten Sie sich ins Gedächtnis rufen, daß der Oktopus, dieses ruhigen Gemüts im Wasser lebende Rätsel, dessen listige Tentakel sich weit und breit ausstrecken und das seiner Umgebung in so schlüpfriger Anmut anhaftet, das Tier schlechthin mit sang froid ist – in dessen Venen das kalte Blut fließt, das wir Tinte nennen.

 

Aus dem Englischen von Beate-Ursula Endriss ; Überarbeitung Paul Berf
Vortrag auf dem Internationalen Schriftstellertreffen in Berlin (Dezember 1998)