Null und Nichts
Aris Fioretos

 

 

 

1.11.1999


 

 

. . . Lazarus’ Brüder sind Figuren, die auf der Innenseite unserer Augenlider wandern – Bewegungen schwebend wie Aromen, Gestalten flüchtig wie Tau oder Tränen, ein aschfarbener Abstand, an jenen Schatten erinnernd, den der Horizont nicht wirft. Sie bleiben uns nie erhalten. Die Augen zu öffnen ist das Gleiche wie eine Null zu dividieren.
Dennoch ist diese Null in gewisser Weise, auch wenn sie nicht ist. Und ist ist sie nicht. Sondern ein Name wegen des Fehlens eines Namens – und ein Name des Fehlens eines Namens. Eine Bezeichnung, unpassend wie die großzügige Gloriole eines Schulmädchens über einem großgeschriebenen I. Sie hat nichts dort zu suchen. Denn 0 zeigt Abwesenheit und Leere an; in einem System von Zeichen, dem ansonsten ein Wort für Mangel mangeln würde, hält sie Nichts an ihrem Platz.
Vor dreizehnhundert Jahren wurde diese eigenartige Figur von einem der Regale im indischen Zahlensystem herabgenommen, poliert und dem Kamel eines arabischen Handlungsreisenden um den Hals gelegt. Er hieß weder Mustafa noch Abdul. Daraufhin legte sie eine mühevolle Reise durch Wüsten, trocken wie die Häute, auf denen sie häufig geschrieben wurde, und über Gewässer, bodenlos wie ihr eigenes Innere, zurück. Bis sie die westlichsten Grenzen des Kontinents erreichte und sich langsam in der arabischen Mittelmeerkultur ausbreitete. Das Europa der Christenheit aber konnte mit der Zahl nichts anfangen und verwarf sie. Auch theologische Beweggründe spielten hier eine Rolle, zumindest in dem Maße, wie diese sich auf Prinzipien aus der griechischen Philosophie stützten, in der eine Schöpfung ex nihilo undenkbar war. Nicht vor dem vierzehnten Jahrhundert, als Kapitalisten im Norden Italiens die merkantile Bedeutung der Zahl erkannten, fand die Null europäisches Gehör. Für die Handelsreisenden, Architekten und Wissenschaftler der Renaissance war eine bewegliche und abstrakte Arithmetik eine notwendige Voraussetzung für wirtschaftlichen und technologischen Erfolg, was zur Folge hatte, daß die arabische Mathematik nicht mehr der gleichen Art kultureller Zollschranken unterworfen werden konnte wie andere importierte Güter, und dadurch nicht mehr daran gehindert wurde, auf jenem Markt eingeführt zu werden, den sie – wie man jetzt begriffen hatte – neu aufbauen könnte. Die doppelte Buchführung und ein zunehmender Wunsch, zukünftige Gewinne und Verluste kalkulieren zu können, führten bald dazu, daß die indischen Zahlen die römischen völlig verdrängten. Die Rechentafel wurde zur Seite geschoben, Papier und Stift gelangten zu Ehren und die gestische Rechenoperation wurde durch eine graphische ersetzt. Eventuelle Einwände wurden mit Hüten so spitz wie das Ende einer Hypotenuse zum Schämen in die Ecke gestellt.
Aber diese baumwollweiche Revolution hatte auch zur Folge, daß die Null geschrieben werden mußte. Auf der Rechentafel der Römer wurde sie durch eine Abwesenheit dargestellt, die zwar verwandt, aber niemals erwähnt wurde. Sie war eigentlich kein Zeichen, sondern allein die Abwesenheit eines Steins oder Holzstücks auf einer oder mehrerer Schienen des Rechenbretts. Durch die Einführung der arabischen Mathematik aber – in der 0 ein bestimmtes Zeichen in einer festgelegten numerischen Reihe ist, das unabhängig von seiner physischen Verkörperlichung existiert – bekam die Null sowohl einen Namen, wie auch ein Gesicht . . . nothing can to nothing fall, / Nor any place be empty quite . . . und nahm von nun an in Anspruch, buchstäblich für das Nichts zu stehen: 0 wurde der Ort für das, was genaugenommen keinen Platz hatte. Eine Ortsangabe so leer wie ihr eigener Anfangsbuchstabe. Und damit ein Rätsel und eine Lüge; aber auch eine Wahrheit.
Somit läßt sich sagen, daß die Null eine doppelte Funktion erfüllt. Sie steht für das, was die Mathematiker "die leere Menge” nennen, das heißt die Klasse der Abwesenheit einer bestimmten Art von Gegenständen, aber bezeichnet auch den Beginn eines Prozesses. Zum einen ist sie eine Kardinalzahl, zum anderen eine Ordnungszahl. Das lose Ende eines Seils oder der Kreis den dieses ausgebreitet auf dem Boden bildet. In beiden Fällen muß Null jedoch als eine Zahl betrachtet werden, mit der die Abwesenheit von Zahlen bezeichnet wird: sie verweist auf den Ursprung einer (leeren) Quantität oder jenen Punkt, der die Möglichkeit von Vorläufern ausschließt. Sowohl Container als auch Markör, Badewanne und Schwimmer. Es ist unvermeidlich, sich die vorige Figur als Zirkel, Kringel oder Kreis vorzustellen; die letztere kann nur als Markierung, Wunde oder Punkt gedacht werden. Ring und Fingerspitze. Ein Katalog über alles, was diese doppelte Null nicht ist – die endgültige leere Menge – müßte demnach wie zwei miteinander verschlungene Schlaufen nicht nur ohne Ende sein, sondern auch das enthalten, was sie nicht ist, ohne sich deswegen davon ausfüllen zu lassen. Sie reflektiert die Leere der Unendlichkeit auf die gleiche Art wie das pince–nez der kurzsichtigen Französischlehrerin in Nabokovs blauer – und blaueren Kindheit.
Null ist also kein weißes Pflaster, keine Gliederpuppe, kein Luftmensch. Sie ist weder eine schwache Nummer, die Temperatur, bei der Wasser gefriert, noch der Schnittpunkt zwischen Horizont und schreibendem Stift. Ein Blankobuch oder ungefüllter Füllfederhalter ist nicht nichts, die Person vor dem leeren Blatt keine Null, auch wenn das Schild auf ihrer Tür den Briefträger dazu auffordert, alle an Null adressierten Briefsendungen dort abzuliefern; die Abwesenheit von Tageslicht in dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist nicht nichts, auch die Stille, in die sie hineinlauscht ist nicht unbefindlich, so wenig, wie ihre eventuelle Durchbrechung kein schöpferisches Moment ist. Weder eine Glatze noch der Nabel in eines kugelrunden Bauches sind Null. Der Schaltknüppel in Leerlaufstellung zeigt nicht an, daß er auf Null steht, oder eine glücklich geschiedene Ehe, daß sie ohne Verlust und Gewinn gewesen ist. Null ist nicht der lautlose Ruf des Überraschten oder das leere Umhertasten des Liebeskranken. 0 ist so wenig die ständig erneuerte Anrede aus dem Mund des zuletzt genannten – ein Apostroph so ausgehöhlt wie die Zähne im Mund der Naschkatze – wie jener Rettungsring, der dem erstgenannten zugeworfen wird, wenn er erstaunt begreift, daß das Wasser tiefer und aufgewühlter ist, als er angenommen hatte. Null ist nicht die Insel, auf der der Schiffbrüchige sich dreizehn Jahre lang von Wurzeln, Beeren und vereinzelten Fischen ernährte, nicht das Floß, auf dem er diesen Ort der Einsamkeit verließ oder jenes Loch, welches der schlecht befestigte Mast hinterließ, das sein Fahrzeug zum Sinken brachte – oder der Äquator, an dem er von einem Schoner gerettet wurde, auf dem sich ein Schiffer in blauem Hemd, zwei Matrosen in Jacketts mit Silberknöpfen (auch sie nicht null) und eine Frau mit einem Kind an ihrer Brust befanden. Null ist nicht Gott.
Obwohl ehrgeizige Studenten ihre neuen Kameraden in den ersten Wochen des Herbstes auf Schwedisch zu "nullen” pflegen, und der Elektriker dasselbe tut, wenn er die Steckdose erdet, sind ihre Aktivitäten weder gleichsetzbar noch nichtig. Null ist nicht das, was sich nicht unter dem Bett des Kindes, das Angst vor der Dunkelheit hat, befindet, nicht der Abdruck, den hohe Absätze auf weichem Untergrund hinterlassen, oder der unregelmäßige Rand der Zähne in einem Käsebrot, das nicht aufgegessen wurde. Sie ist nicht das Rauschen, das auf Krapps letztes Band folgt, nicht die Stille, die eintritt, wenn der Zug den Bahnhof verlassen hat, noch der Tunnel, in dem er sich befindet, während er den Weg unter jenem Fluß nimmt, auf dem ein Fahrzeug ohne Mast soeben sinkt. Die Rückkehr des Odysseus nach Ithaka beschreibt keine Null, obwohl sein Name mit jenem Buchstaben beginnt, mit dem die Zahl so oft verwechselt wird, und obwohl er sich selbst Niemand nannte, um dem Hunger des Zyklopen zu entfliehen. Null ist nicht die Urne in der Mitte ihres Zeichens, die die Leere der Zahl umschreibt. Auch nicht das einzige Auge des Riesen, das schleimende Loch, nachdem es ausgestochen wurde (die Backen herablaufend wie eine Art trägerer Tränen), oder seine maßlose Wut. Null ist nicht die Kerze, wenn sie zu einer warmen Suppe in der Mitte des Kerzenständers heruntergebrannt ist, noch Ophelias Schoß, in dem Hamlet seinen Kopf ruhen lassen wollte. Und sicher nicht das dunkle Loch, das enststand, als eine Eiche in einem heftigen Sturm vor ein paar Monaten entwurzelt wurde, oder jenes leere Kuvert, das Herr Null aufreißt. Und am wenigsten von allem ist sie der Saltomortale, den der Trapezartist macht, bevor er wieder die Hände seines Kollegen ergreift, die nicht Null sind.
Null mal Null bezeichnet auch nicht die Zahl der Kreise in Dantes Hölle, nicht die Stockwerke in einem Aufzug, die Ringe eines Glases auf einem Tisch aus Glas, Träume von Träumen oder platte Fahrradreifen, nicht die Abdrücke der Glühbirnen auf der Netzhaut, wenn die Augen wieder geschlossen werden, nicht Brüste ohne Säuglingsmünder oder Säuglingsmünder ohne Brüste. Nullen sind weder die Spiralen in einem Spiralblock oder aufgeblähte Wangen, Eiswürfelbereiter ohne Wasser oder das Wort ohne in Wiederholungen ohne Ende. Auch Eier, Münzen und Königskronen sind nicht null und nichtig – oder Backformen, Ohren, Hoden, Sonnenfinsternisse und Sonntage. Nullen sind keine Knopflöcher.
Der entscheidende Punkt – weder null noch nichtig – ist offensichtlich. Ein Katalog über alles, was die Zahl nicht ist, bleibt unerschöpflich, denn auch, wenn es uns gelänge, alle Alternativen aufzuzeigen und jedes einzelne Detail, jeden Aspekt und Gegenstand aufzuführen, der nicht 0 ist, uns selber inbegriffen, so würde die Liste selbst übrigbleiben – auch wenn wir sie als letzten Posten selbst einschlössen, bevor sie endet. Was bedeutet, daß unser Katalog, wie ausführlich er auch erscheinen mag – und er muß den Anspruch erheben, erschöpfend zu sein – keine leere Menge bereitstellt und damit nicht Null ist. Er muß außerhalb seiner selbst fallen, wie die Ringe, die ein springender Stein auf der Wasseroberfläche hinterläßt.
Null ist nicht Null ist . . . nicht Null . . . ist . . . nicht . . .
Dennoch ist diese Zahl verschlagen wie ein Autoverkäufer, wenn es darum geht, dies zu verbergen, denn wenn wir unsere Erkenntnis nach mathematischer Manier niederschreiben – 0+0+0+ . . . (oder auch 0–0–0– . . . ) – bleibt das Resultat trotz allem =0. Wie bei russischen Puppen verbirgt jede Null die Null, die sie nicht ist, unter dem Saum des Rocks.
Die Null ist also, wenn es hoch kommt, ihre eigene Division, ohne daß die Zahl deshalb gerade und der Schrägstrich zwischen den beiden Leerstellen 0 und 0 werden könnte. Wie eine geschlossene Schere. (Aber hier könnte man sich sicherlich unanständigere Metaphern vorstellen.) König Lear – an O without a figure, a nothing – konnte diese eigenartige Gleichung nicht begreifen, was ihn alles, was er besaß, kostete, inklusive Reich, Augenlicht und Verstand. Kurz vor dem Ende von Shakespeares Stück versucht diese Unfigur Cornelias Herz dadurch zu bewegen, daß er eine Art Familienphantasie heraufbeschwört, die genauso supekt ist, wie die Metapher, die wir nicht aufgreifen wollten: ein "Gefängnis”, in dem die beiden alleine gleich "Gottes Spionen” "singen werden wie Vögel in einem Bauer”.
Lears Traum spricht von einem Ort, den es in keiner Geographie gibt, dem alle Karten fremd sind und der in jeder Topographie fehlt. Eine Zelle hinter den schweren Gittern aller Dinge (I I I I I I). Es ist ein Ort aus Ermangelung eines Ortes, jenseits des Lärms der Wirklichkeit, unerreichbar für die Fangarme der Macht oder Vergänglichkeit der Zeit. Hier können Vater und Tochter in unwirklicher Unberührtheit leben. Also eine Grauzone, am ehesten wohl eine Heimstatt für Gespenster, wo alles "sozusagen” geschieht. An diesem ortlosen Ort (noch ein Posten auf unserer Liste – diesmal das gerundete U in allem, was unmöglich ist) glaubt Lear, zusammen mit Cordelia als heimlicher Agent und Stellvertreter leben zu können – das heißt als Zeichen für Zeichen. Am Ende läßt Shapesphere, wie ihn Finnegans Wake heißt, Lear also den schaurig flüchtigen Charakter erkennen, durch den das nothing, das er nun selbst verkörpert, gekennzeichnet ist. Was natürlich zu spät ist; König Lear, leer wie noch niemand, ist sein eigener Mangel geworden . . .

Aus: Das graue Buch (Stockholm: Norstedts, 1994)
Aus dem Schwedischen von Paul Berf