September: Larry

Thomas Hettche

 

 

 

3.9.1999



 

 

Als ich den Computer in einer der Dachgauben auf dem alten Couchtisch entdeckte, dessen Kacheln als Schmuckmotiv abwechselnd zwei gekreuzte Eichenblätter und einen Auerhahn zeigten, wischte ich zuallererst mit der Handkante die dicke Staubschicht vom kalten Glas des Bildschirms. Er war es tatsächlich. Ich hatte ihn irgendwann in der ersten Hälfte der 80er gekauft und musterte nun das wuchtige graue Metallchassis und die abgeschrägte Frontpartie, das nach hinten versetzte Laufwerk aus schwarzem Plastik, sah links die großen Schlitze für den Lautsprecher und darüber das IBM-Logo. Betätigte wieder so gedankenverloren wie früher und immer wieder den schwergängigen Verschluß des Laufwerks für die großen 5,6 Zoll Floppydiscs, das jedesmal laut und satt wie eine Autotü reinschnappte, wenn man die Diskette einlegte.

Der Bildschirm war kein IBM, sondern irgendein compatibler Noname, ebenfalls grau und gedrungen und mit einem für heutige Verhältnisse lächerlich kleinen, etwas geschrägten Schirm. Ich nahm ihn vom Gehäuse, das aus zwei Blechschalen besteht, die an der Seite verschraubt sind, entfernte die Schrauben und klappte den Rechner auf. Rechts vorn die Tandon-Harddisc, daneben das Diskettenlaufwerk von IBM, links sechs Steckplätze, von denen drei mit dem Harddisc-Controller, den ich einmal hatte auswechseln müssen, der Graphikkarte und einer Uhr belegt sind. Ich klappte das Gehäuse wieder zu, stellte den Bildschirm darauf und suchte eine ganze Weile nach einer Steckdose und einem Verlängerungskabel. Zog mir dann einen alten braunen Sessel heran, dessen kunstlederne Armlehnen sehr kalt waren und tastete die Rückseite des Rechners nach dem On-Schalter ab, den ich erst – seltsamerweise fälschlich – auf der linken Seite vermutet hatte. Als ich ihn drückte, begann der Ventilator des Gebläses laut zu arbeiten und ein hoher Piepston meldete, daß der Rechner hochbootete. Auf dem Bildschirm flammte bernsteinfarben TURBO - XT 1986, SPEED 4.77 / 8.00 MHZ. VERSION 3.1. auf, verschwand wieder und C\: erschien.

Der 8088er war tatsächlich nur mit acht Megaherz getaktet. Ich nahm das verstaubte Keyboard, das angeschlossen am Couchtisch lehnte und bei dem viele der Tastenbeschriftungen, vor allem E, A und S, nicht mehr zu lesen waren, und gab DIR ein. Die Tasten hatten keinen Druckpunkt und das Plastik hämmerte hell und laut. Als ich die Datenfreigabe drückte, flimmerte eine Folge von Dateien vorüber, DIR/W holte sie alle auf den Bildschirm. Ich erkannte meine alte Textverarbeitung wieder und die NORTON UTILITIES und rief das Programm auf. Über DISC-INFORMATION erfuhr ich, daß der computing index, relative to IBM/XT, bei 1.7 lag, daß der Rechner mit DOS 2.0 arbeitete, 640 Kilobyte Arbeitsspeicher besaß und eine 21 Megabyte große Harddisc. Ich verließ Norton und öffnete die Textverarbeitung. WORDPERFECT VERSION 3.1. COPYRIGHT 1982, ALL RIGHTS RESERVED. WORDPERFEKT CORPORATION OREM, UTAH USA meldete der Schirm. Dann baute sich, mit leichtem Zögern, das Inhaltsverzeichnis auf. Eine Weile saß ich einfach da und las die längst vergessenen Namen alter Textdateien im weichen bernsteinfarbenen Licht, das dämmrig den Tisch und die Tastatur erleuchtete und sich im Dunkel des großen Dachbodens verlor. Mit F7: WP BEENDEN?, "J" verließ ich schließlich das Programm. Wieder erschien C\: auf dem leeren Schirm.

Ich wechselte – CD .. – in das Unterverzeichnis LARRY, hatte aber das Programmkürzel vergessen, und so meldete DOS, als ich erst LARRY eingab und dann LA, BAD COMMAND OR FILE NAME. Schließlich tippte ich LL, der Bildschirm leuchtete mit dem Schriftzug des Spiels auf und eine Melodie fiepte aus dem Lautsprecher. Man forderte mich auf, mein Alter einzugeben und bat mich, als ich das getan hatte, einige Fragen zu beantworten, um sicherzustellen, daß ich älter als achtzehn Jahre alt sei. Ich wußte keine der Antworten mehr, die ich doch einmal fast auswendig gekonnt hatte, und nach unzähligen Versuchen stand ich schließlich entnervt auf und ging ans Fenster. Es schneite noch immer und meine Fußspuren, die noch vor kurzem als tiefe schattige Löcher von der Straße über den weiten Platz herüber geführt hatten, waren im Licht der Bogenlampe, die von der Ecke des Ziegelsteinbaues über den Platz ragte, nur mehr sanfte Dellen in der Schneedecke. Es war völlig still draußen. Es hörte nicht auf zu schneien. Mir war kalt und ich knöpfte die Jacke bis zum Hals zu und ging wieder zum Couchtisch zurück. Noch einmal beantwortete ich die Fragen und diesmal hatte ich tatsächlich Glück.

Der Lese-Kopf ächzte jämmerlich laut und lange über die Harddisc, dann baute sich das Konterfei LARRYS auf und ich registrierte verwundert, daß ich tatsächlich etwas Herzklopfen vor Aufregung hatte. Dieses Spiel war damals etwas Besonderes gewesen, hatten wir doch darin zum ersten Mal hatten in eine Geschichte eingreifen und scheinbar mit virtuellen Figuren kommunizieren können. Was so neu und faszinierend war, daß wir eine Weile auch nichts anderes mehr getan hatten. Noch bei QUAKE oder MYST mußte ich daran danken, wie sich LARRYS so einfarbige wie eindimensionale Las Vegas zum ersten Mal belebt hatten. Und nun stand er wieder vor dem Eingang der Bar auf dem Trottoir und wartete darauf, hineingehen zu dürfen. Ich achtete darauf, daß er nicht von einem Taxi überfahren wurde. Dann tippte ich: OPEN DOOR.