August: Ferien

Thomas Hettche

 

 

 

1.8.1999



 

 

Der Markenname der hier gebräuchlichsten Fliegenfänger – polnisch lep na muchy –, jener honigklebriggelben Papierstreifen, die man in der Zimmermitte an die Lampe hängt, lautet in Abwandlung des Herstellers BAYGON, was mich unweigerlich an Saigon denken läßt, an das brennende Napalm aus Apokalypse Now und die Hubschrauber aus Deer Hunter. Zumindest, wenn die Fliegen morgens mit schwirrenden Flügeln über mir zu kreisen beginnen und dann so lange auf jedem unbedeckten Stück Haut landen, bis ich mich verzweifelt ganz in den Schutz der Decke zurückgezogen habe, sie wie im tiefsten Winter bis zu den Ohren hinauf, und schwitzend, doch gleichwohl schlaflos, noch lange daliege, bis ich mich endlich aufzustehen entschließe.


Entsprechend registriere ich völlig mitleidlos, ja freudig, wenn wieder eine Fliege auf dem gelben Todesstreifen notlandet und wie der kleine Elektromotor von LEGO, den ich als Kind oft bis zum Anschlag beschleunigte, einige Minuten lang schrill summt, einmal pausiert, nochmals und immer länger, und schließlich verstummt. Fasziniert betrachte ich durchaus öfter am Tage – willkommene Illustration der Fliegenfängergeschichte Robert Musils – , wie die schwarzen Körper anhaften und mit welchen Zuckungen sie sich wieder zu lösen versuchen, um doch mit jeder Bewegung nur vollständiger mit dem goldglänzenden Klebefilm versponnen zu werden. Manchmal puste ich auch ein wenig über ihre Leiber hin und es scheint mir, als ob manche der Fliegen, die dann noch mit einem Bein zuckt oder gar noch einmal lossummt, erstaunlicherweise schon vor mehreren Tagen eingefangen wurde vom Klebstoff und längst getötet oder zumindest betäubt sein sollte von jenen sicher giftigen, für Menschen aber wohl ungefährlichen Dämpfen., über deren Zusammensetzung ich nichts weiß, da ich die polnische Packungsbeschriftung nicht zu übersetzen imstande bin.


Wenn ich es am Abend bei geschlossenem Fenster, das ich wegen der Insekten nicht zu öffnen wage, im Zimmer wegen der Hitze nicht mehr aushalte, gehe ich oft zum Essen ins BELWEDER, das am Rande desselben Waldgebietes liegt wie meine Unterkunft in diesem Sommer. Auch der Krakauer Zoo befindet sich nahebei, und manchmal hört man auf dem Weg durch den Wald die wilden Tiere. Das Ausflugsrestaurant wurde noch kurz vor Kriegsende als Erholungsheim für deutsche Luftwaffen-Offiziere in typisch schmucklos-biederer Monumentalität erbaut, und wäre völlig reizlos, böte die Terrasse nicht einen wunderschönen Blick ins Weichseltal hinab. Folgt man dem Fluß wenig mehr als 30 Kilometer in Richtung Westen, gelangt man nach Auschwitz. INFORMATOR steht auf dem Titel der deutschsprachigen Broschüre des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, darunter ein Photo der Rampe. Für den polnischen Namen des Ortes fehlen in sämtlichen Zeichensätzen meiner Textverarbeitung die notwendigen Sonderzeichen. So tippe ich: OSWIECIM.