Juli: 1/2

Thomas Hettche

 

 

 

5.7.1999



 

 

Genau ein halbes Jahr gibt es nun die Online-Anthologie NULL, und die öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Projekt, das sich als einer der zentralen Orte deutschsprachiger Literatur im Internet etabliert hat, ist ungemindert groß. In allen Medien wurde berichtet, weit mehr denn 2000 Leser besuchen monatlich NULL, und von diesem Monat an ist die Anthologie auch auf der Site des Internet-Buchhändlers BOL präsent, der die Bücher der beteiligten Autoren vorstellen wird.
Dieser Resonanz entspricht das Engagment der teilnehmenden Autoren. Über 120 Texte sind bisher in NULL erschienen, wöchentlich kommen neue dazu, wobei mehr als 30 Autoren regelmäßig mit neuen Arbeiten in NULL zu finden sind. Bisher: Matthias Altenburg, Stefan Beuse, Marcel Beyer, Mirko Bonné, Jan Peter Bremer, John von Düffel, Julia Franck, Arno Geiger, Katharina Hacker, Ingeborg Harms, Joachim Helfer, Ulrich Holbein, Johannes Jansen, Zoe Jenny, Angelika Klüssendorf, Steffen Kopetzky, Helmut Krausser, Judith Kuckart, Jo Lendle, Dagmar Leupold, Thomas Meinecke, Perikles Monioudis, Terézia Mora, Andreas Neumeister, Brigitte Oleschinski, Urs Richle, Kathrin Schmidt, Sabine Scholl, Leander Scholz, Burkhard Spinnen, Ilija Trojanow.
NULL hat sich im letzten halben Jahr auch immer wieder außerhalb des Netzes vorgestellt, auf einem Fest zur Leipziger Buchmesse etwa und auf Einladung des Literaturhauses in München. Im September wird NULL am traditionellen Schriftstellertreffen Tunnel über die Spree im Literarischen Colloquium in Berlin teilnehmen und sich im Goethe-Institut Krakau und im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg präsentieren.
Beim diesjährigen Ingeborg Bachmann Wettbewerb in Klagenfurt waren drei Autoren der Anthologie vertreten. Bereitwillig erzählt Stefan Beuse - Lieber Thomas! Heute war vielleicht ein aufregender Tag! -, wie der Landeshauptmann Jörg Haider ihm beinahe die Hand geschüttelt hat, als er den Preis des Landes Kärnten gewann. Zum Beleg veröffentlicht NULL die entsprechende Urkunde mit der Unterschrift des Kunstverächters. Und natürlich Verschlußzeit, den Preis-Text Beuses. Und Katharina Hackers Tage, aus einem der allerersten Texte entstanden, der im Januar in NULL zu lesen war. Und schließlich den Text, für den Terézia Mora der Ingeborg-Bachmann-Preis zuerkannt wurde: Der Fall Ophelia.
NULL ist durchlässig für die Welt – doch nicht so, wie Tagebücher und die entsprechenden Netz-Projekte, die aus der Mitschrift des Alltäglichen ihre Spannung beziehen. Wie gebrochen durch den Wasserspiegel der literarischen Form erscheint die Welt in NULL. Zu Beginn des Jahres war die Auseinandersetzung mit der allgegenwärtigen Milleniums-Hysterie – etwa in John von Düffels Das Jahr des Sonderangebotes, Ulrich Holbeins Fabel von Buddha, Mozart und Hitler, oder Burkhard Spinnens Rede der Ziffer 9, gehalten im Großen Rat der Ziffern in der letzten Stunde des 31. Dezember 1999, mitstenographiert, im Gedenken an seinen großen Vorgänger im Amt, den Professor Georg Christoph Lichtenberg aus Göttingen, von Mag. Burkh. Spinnen –Ausgangspunkt zahlreicher literarischer Texte in NULL.
Mit dem Beginn des Nato-Bombardements wurde dann der Kosovo-Krieg zum zentralen Thema der jeweils neuen Texte. Schnell ergab sich dabei in NULL eine Debatte unter den Autoren, wie sie in solcher Vielfalt und Direktheit sonst kaum in der Öffentlichkeit geführt wurde. Vor allem Helmut Krausser und Thomas Meinecke besetzten dabei zwei diametrale, wenn auch in der Vehemenz durchaus vergleichbare Positionen, konterkariert von sehr literarischen Texten wie Brigitte Olschinskis UHU-Bomber, Urs Richles Gladiatoren, Julia Francks Ein Held ohne Krieg, aber auch Joachim Helfers Wo Recht zu Unrecht wird.
Schon während des Krieges markierte Sabine Scholl, die in Chicago lebt, mit ihrem Text Liebe Freunde eine notwendige Außenposition zur deutschen Debatte. Iija Trojanows Skizze vom Beginn des Monsun in Bombay, die nun erscheint, ist für mich mich ein ähnlich gelungener Kontrapunkt in diesem Gespräch in Texten, das am ersten Januar diesen Jahres begann, und auf dessen zweite Häfte ich mich freue. Seit Tagen wartet alles auf den ersten Regen. Die Wolken, aufgequollen und schwarz, schrumpfen die Sonne zu einem glitzernden Teich. Wellen schlagen gegen die Kaimauer, immer höher, schlagen über sie hinweg; die Welt ist unruhig.