Juni: Im Sternbild des Krieges II

Thomas Hettche

 

 

 

1.6.1999



 

 

Im April 1984 erhielt die Natur-Attrappenfabrik Hermann Tautz in Künzell bei Fulda, die seit 1928 überwiegend in Handarbeit aus Kunststoff Nahrungsmittel von täuschend natürlicher Anmutung herstellt, einen Anruf der irakischen Botschaft in Bonn. Der Militärattaché bat um ein Angebot in englischer Sprache über Kanonen-Attrappen (zum Tarnen) mit Katalog. Obwohl man diese Anfrage ignorierte, während man dem damaligen Kriegsgegner Iran durchaus Wurstattrappen geliefert hatte, verdeutlicht sie doch, wie sehr es sich beim Begriff der Echtheit um einen der Wirkung handelt. Zumal Attrappe sich eigentlich nicht von Täuschung, sondern ursprünglich vom altniederfränkischen Wort für Vogelschlinge, Falle ableitet. Nach Preisliste B jedenfalls, gültig seit dem 1.7.1998, liefert die Natur-Attrappenfabrik Hermann Tautz eine Käsescheibe Allgäuer Emmentaler, 14 cm x 10 cm, für 13,70 DM, einen Restposten Rührei für 27,70 DM, einen halben Ring Fleischwurst für 12,50 DM, Leberwurst im Schweinedickdarm für 19,90 DM, eine Forelle, 40 cm, für 28,90 DM, eine Portion Scholle, paniert und gebraten, für 18,10 DM und eine ganze Seemöwe für 64,90 DM. Die falschen Skud-Raketen und Flugfelder, die der Irak einige Jahre später während des Golfkrieges baute, täuschten nicht die Augen realer Beobachter, sondern die elektronischen der Kameras. Mit Hilfe sowjetischer Satellitenaufnahmen optimierte man das Aussehen der Attrappen bis zur Perfektion. Über ihre reale Beschaffenheit ist damit nichts gesagt.