Mai: Im Sternbild des Krieges

Thomas Hettche

 

 

 

3.5.1999



 

 

Zum ersten Mal erfahre ich von einem Krieg aus dem Internet, schrieb ich an dieser Stelle vor vier Wochen, so kleinlaut wie möglich einen Anfangspunkt der Aufmerksamkeit markierend zur Vermessung kommender und befürchteter Gegenwart. Ungewiß da noch, was in vier Wochen daraus entstanden sein würde. Und nun gibt es am Firmament von NULL das Sternbild Krieg.
Zentralstern dieser astrologischen Konstellation ist – Ende April – ein Text Brigitte Oleschinskis, der die eigene Geschichte an die Stelle einer Meinung zum Krieg setzt und in gewissem Sinn ähnlich wie der Aufsatz von Leander Scholz die Gegenwart an die eigene Biographie zurückbindet, um so etwas von der Tiefenschärfe zurückzubekommen, die in der aktuellen Debatte über den Kosovo-Konflikt verlorengegangen ist. Auch Dagmar Leupolds Miniatur übt sich in einem klugen Verfahren für Krisenzeiten, nämlich im Augenwinkel einen Blick auf die Wirklichkeit zu erlangen, wenn einen die Blitzlichter zu sehr schon geblendet haben. Doch der Ton hat sich auch in NULL geändert. Thomas Meinecke läßt Texte aus NULL im Schlaglicht des Krieges vorbeidefilieren und fordert den Kopf Joschka Fischers. Was Helmut Krausser zu einer Replik veranlasst, in der er seinerseits mobil macht.
Während ich überlege, welche Konsequenzen solche Texte in NULL haben könnten, erinnere ich mich plötzlich an eine Werbung der Zigarettenmarke West, die man hier in Krakau kurz nach dem Beginn der Bombardements plakatierte. Großflächige Plakate auf den Billboards der Ausfallstraßen zeigten eine leichtbekleidete Varieté- oder Zirkuskünstlerin, der ein junger Mann eine Zigarette anbot. Test it! Die lächelnde junge Dame war umgeben von Federn und Straß und angetan in einem hellen Trikot, das ihren Busen als zentrales Motiv des Bildes unbekleidet ließ. Was mir eher gegen die Vermutung zu sprechen schien, es könne eine Zirkusartistin sein, und seltsamerweise die Frage provozierte, ob es sich denn bei dem Wesen überhaupt um eine Frau handelte oder die Aufforderung Test it! sich nicht möglicherweise weniger auf die Zigarette denn die angebotene Oberfläche bezog. Jene Artistin mithin eine des Geschlechts wäre. Etwas in ihrem/seinem Blick ließ mich an der entsprechenden Gewißheit zweifeln.
Die von den Feuilletons beim Kriegsausbruch rekrutierten Schriftsteller, die sich beim ersten Kontakt mit dem feindlichen Wort erwartungsgemäß als schlechtinformierte Freiwillige entpuppten, bemühen sich dagegen zur Zeit sehr um Gewißheiten. Wobei ihre Scharmützel wie hilflose Versuche anmuten, von den ernsthaft operierenden Einheiten in diesem Meinungskrieg überhaupt wahrgenommen zu werden. Doch dazu bedarf es mehr. Etwa eines literarischen Selbstmordkommandos wie das Peter Handkes, der einfach die Halteleinen an seinem poetischen Heißluftballon über den feindlichen Stellungen kappte.
Zur selben Zeit, als dessen Weidenkorb in den Zeitungen aufschlug, waren hier in Krakau plötzlich sämtliche Werbetafeln der beschriebenen Kampagne mit einem weißen Balken versehen. Er trug die Aufschrift CENZURA und verbarg wie ein sehr knappes Bikini-Oberteil die beiden Brustspitzen der Artistin. Welche Auswirkungen, fragte ich mich auf der Podwale Dunajewskiego im Stau, während ich Bauarbeitern zusah, die hemdlos in der ersten Frühlingssonne neuen Teer aufbrachten, hat es für die Zensur, wenn es sich bei den jetzt verborgenen Brüsten tatsächlich um die eines Mannes handelte? Ist andererseits die Frage, wie es sich verhält, überhaupt von Interesse?
Für mich schon. Denn eine Armierung der Sätze, wie man sie jetzt betreibt, scheint mir dem Verständnis der Welt nicht zuträglich zu sein und den Krieg vor allem zu einer Gelegenheit für tote Worte zu machen. Die aber werden der Komplexität globaler Konflikte, die auch durch die Bedingungen ihrer medialen Vermittlung zugenommen hat, nicht gerecht. Die moralische Aufladung des Krieges ist für mich seine eigentliche Verharmlosung, und Autoren, die glauben, der Ernst der Lage erfordere jetzt eine Sprache der schnellen Parolen, entlasten sich von der Anstrengung des Begriffs und arbeiten dieser Verharmlosung zu. Damit aber vernachlässigen sie ihre Aufgabe, die eben nicht darin besteht, eine Meinung zu haben, sondern eine Darstellung zu finden. Und also in der Erfindung der Welt, wie sie ist.
Mirco Bonné Text Bad in Oslo ist einer der Sterne im Sternbild Krieg. Bonné wählt für ein so mutiges wie nacktes Treffen mit Außenministerin Albright Oslo. Eine geradezu somnambul literarische Wahl. Nur Literatur gelingt es, allein durch die Nennung eines Wortes einen beinahe utopischen Klang zu produzieren, in dessen Prisma sich derart zahlreiche Bedeutungen brechen, daß es schon dreier Schneepflüge bedarf, um zu Bonnés Frage durchzudringen, ob es sich bei den zierlichen Fesseln Frau Albrights etwa um Implantate handeln könnte.
Was, wenn es sich bei der ganzen Zensur- wiederum um eine Werbeaktion gehandelt hatte und also beides zuträfe, Brüste wie CENZURA gleichermaßen gefälscht wären? Mit dem, der sich das ausgedacht hat, überlegte ich, während die Baustellenampel auf Grün sprang, ich die Kupplung kommen ließ und losfuhr, würde ich gern über den Krieg sprechen.