April: Nowa Huta

Thomas Hettche

 

 

 

5.4.1999



 

 

Von überall her, zumal gegen Abend, Hundegebell so laut, wie ich es von den Rändern deutscher Städte nicht kenne. Nachts schlägt oft unvermittelt eine ganze Meute an. Vor dem Fenster: Völliges Dunkel. Das Licht der wenigen Gaslaternen trägt, zumal hier im Park, nicht weit. Halbmeterbreite Spuren ausgegossenen Teers, der in Plaken über das Gras gesuppt und um die Wurzeln der Bäume erstarrt sein muß, sind die Wege, die mich am Tage von meinem Schreibtisch aus immer an jene Bahnen denken lassen, die Fußgänger im Winterschnee auf leeren Plätzen ziehen. Immerzu gradlinige und kürzeste Verbindungen, deren Häufung gleichwohl ein seltsam wahnsinniges Gespinst ergibt. Außerdem: Parkbänke aller Stilrichtungen, unzählige Sockel gefällter Statuen, ein versiegter Bach, ein hellblau gekachelter Teich, verrostete Teppichstangen, eine hölzerne Spielplatzmöblierung aus den letzten Jahren. Es riecht jetzt nach offenem Feuer, denn in den Gärten rundum verbrennt man Ende März wohl das taube Holz.

Ankommen, auspacken und alles verstöpseln, um auch hier in Krakau mit NULL verbunden zu bleiben. Der Universalstecker nimmt die Hürde der fremden Steckdose spielend, also die Telephonleitung an‘s Modem und einschalten. Doch dann verkennt der Compuserve-Dialer, daß das Signal zwar keine deutsche Amtleitung ist, er aber gleichwohl wählen könnte, wenn er wollte. Will aber nicht. Zwei Tage später löst der bereits mehrmals avisierte Piotr das Problem schließlich mit einem Küchenmesser, indem er u.a. meinen schönen Stecker kappt. Piotr ist hier der Computerspezialist, also protestiere ich nicht, und es funktioniert ja auch. Noch in Deutschland hatte ich mich bei Compuserve nach den Verbindungen in Polen erkundigt. 9600 Baut, sagte man mir und ich fand 9600 Baut prima. Vielleicht, weil ich zuvor mit meiner Krankenversicherung telephoniert hatte. "Krankenschutz in Polen? Keiner." "Wie: Keiner?" "Na keiner. Polen gehört nicht zur EU." "Danke". Es ist nicht so, daß ich regelrecht schockiert gewesen wäre, nur schienen mir 9600 Baut plötzlich ganz hervorragend, zumal ich ganz en passant auch erfuhr, daß man im Ausland nicht nur die Nummer des lokalen Einwahlknotens benötigt, sondern auch das entsprechende nationale Netzwerk anwählen muß: SCITOR. Was ich nun tue. Dann die Nummer des Krakauer Servers. SCITOR murmelt fremdartig und ich zucke nervös mit der Maus. Piotr nickt, klopft mir auf die Schulter und geht.

Die E 40 genannte Straße zwischen Görlitz und Nowa Huta wird nur sporadisch zweispurig. Von Baustelle zu Baustelle ist das Land, durch das sie führt, überall aufgerissen und gesäumt von Supermärkten, provisorischen Tankstellen und Imbißbuden. Blockhäuser stehen dicht an die Leitplanken heran, halb versunken in der Erde, zerbrochen die feingliedrigen Holzlattenzäune davor und die gedrechselten Pfosten der alten Veranden. Einspännige Pferdefuhrwerke, wie ich sie nur aus den Führerscheinfragebögen – Wer hat hier Vorfahrt? – kannte, zockeln für Augenblicke auf der weichen Luftbereifung alter LKW-Pneus gleichauf, dann verschwindet das Bauerngesicht in der rechten unteren Ecke des Rückspiegels. In jedem schattigen Graben noch der scharfkantig in Meterhöhe abrasierte Winterschnee. Dazwischen an den wenigen Abfahrten kleine Gruppen leicht bekleideter und sehr weißhäutiger Frauen, denen ich ihre winkend-gute Laune nicht ganz glauben mag.

Bereits 1573, schreibt der Baedeker, gab es eine regelmäßige Postverbindung Krakau-Venedig. Da war der Park vor meinem Fenster gerade erst frisch angelegt worden. Bis Augsburg brauchten Kaufleute im 15. Jhr. von der Lagune eine Woche. Das Neue war immer schon katastrophisch, Angst flog stets der Technik vorweg, an Bildern aber bleibt sie hängen. So vertraut man zwar heute den Eisenbahnen, dem Film jedoch so wenig wie damals, als die ersten Zuschauer vor der Lokomotive, die auf die Kamera zuraste, schreiend aus dem Saal flohen. In einer Phase, in der die immateriellen Datennetze weltweit Triumphe feiern, kann die historische Stadt erneut zum idealen Standort für wissenschaftliche Forschung und Technologieentwicklung werden, mithin eine moderne Version der Rolle übernehmen, wie sie das Arsenal zu Zeiten der Serenissima ausfüllte, schreibt Massimo Cacciari, der Bürgermeister Venedigs. Digitalität übersetze den Raum und damit auch den Körper, um ihn zu ersetzen, meint etwas Peter Weibel und Georg Christoph Tholen assistiert: Gerade sein Verschwinden sei das heimliche Telos der telematischen Zivilisation. (http://www.hrz.uni-kassel.de/wz2/mtg/tholen.htm.)

Die Bedeutung der fremdsprachigen Wörter nicht einmal raten zu können, ist, wie ständig verstopfte Ohren. ANTIKWARIAT und APTEKA verstehe ich, doch ansonsten gehe ich taub herum und weiß noch weniger als sonst, ob meine Augen nicht nur meine Vorurteile bebildern. Etwa, Europa verliere irgendwo tatsächlich jeden und zumal jenen süßen Meergeruch des mare nostrum und werde – nachts kälter, tags heißer, Birkenwälder – ganz Landmasse. Doch dann kommen die ersten hellen Tage und ich bemerke, wie südlich die Architektur hier ist, den wunderschönen Marktplatz und die so französische Eleganz der Frauen, den unheimlichen Katholizismus, das Beichtstuhlgemurmel in der Marienkirche und wie die Frauen mit nackten Knieen knieen auf dem kalten Stein. Zum ersten Mal erfahre ich von einem Krieg aus dem Internet. Es will mir einfach nicht gelingen, die Verkehrszeichen hier anders als ihre eigenen Abbildungen in Kinderbüchern anzusehen.