März: Wie man weisse Pfauenfedern reinigt

Thomas Hettche

 

 

 

1.3.1999



 

 

Alles neu? Nein. Doch acht Wochen NULL heißt vor allem, lange dabei zuzusehen, wie die Texte, für die dieser Ort gedacht ist, sich hier einleben. Welche kommen und sich niederlassen und welche nicht, wer mit wem sich verträgt, wer wieder geht und wer bleibt. Und was die Literatur im WWW überhaupt benötigt. Kam sie doch bisher vor allem in den Link-Sammlungen einsamer Germanisten vor und in jenen Verlags-Projekten, die obskuren Pfadfinder-Ideen vom gemeinsamen Schreiben folgen. Als ob Literatur plötzlich in der Bastelgruppe entstünde. Indem aber Schriftsteller zunehmend einen ganz pragmatischen Umgang mit dem Internet erproben, der ihnen und nicht medientheoretischen Thesen entspricht, beginnt das Netz langsam tatsächlich ein Ort für Literatur zu werden. Und ein Ort für tatsächliche Literatur.

Kritik wie Lob an NULL entzünden sich meist am Purismus des Projekts. Tut uns leid: NULL ist das, was es sein will - ein Ort für gute Texte im Netz. Denn obwohl, wie Nietzsche sagt, das Schreibzeug an unseren Gedanken mitarbeitet, haben die medialen Veränderungen der letzten Jahre tatsächlich wenig mit Hyperlink-Literatur zu tun, mit der Auflösung linearer Erzählstrukturen, dem Ende des Autoren-Subjekts im Netz oder ähnlichen Feuilleton-Themen, viel jedoch mit einem radikalen Umbruch des Lebens und Arbeitens von Schriftstellern.

Der Umgang mit dem Netz ist zum Indikator eines Generationenbruches geworden, der so tief geht, weil er die Weise betrifft, wie Menschen miteinander kommunizieren. Weil man es sich zweimal überlegt, ob man einen Brief statt einer Mail schickt, und weil man jene, die handschriftliche Lebenszeichen präferieren, möglichst nur noch zu runden Geburtstagen kontaktiert, trennt eine immer größere Kluft diejenigen, die immer noch im Computer eine bessere Schreibmaschine sehen, von denen, die ihn als universale Kommunikationsmaschine nutzen. Denen ist der eigene elektronische Schreibtisch längst zu einem, wenn man so will, öffentlichen Ort geworden. Benötigte man früher die Schiffshebewerke der Verlage, um Literatur in die Kanäle ihres Austauschs zu schleusen – wo sie dann sogleich, als für immer unveränderlich, auf Grund liefen - , so zapft das Netz nun umgekehrt Literatur aller Couleur in die heimische Badewanne ab. Eigene und fremde Texte begegnen sich im Badeschaum deselben Textverarbeitung. Und so auch in NULL.

Wobei die weitaus meisten Autoren NULL als Gelegenheit begriffen, nun endlich den Sprung ins Netz zu tun. Was zunächst nicht nur bei Alban Nikolai Herbst - sagt man Ab-ja:-druck?- oder sagt man Ab-mail?.... gggrrrrrosses Verwirrung in Kopf von mir.... – , und nicht nur zu semantischen, sondern zu ganz handfesten technischen Verwirrungen führte. So brachten wir viel Zeit mit allerlei Experimenten zu, bei denen nicht nur einmal ein Text für immer verschwand. Aber um Himmels Willen - welchen Text meinst Du - und welchen Jürgen?, mailte etwa Burkhard Spinnen. Ich habe in den letzten Tagen hier ein Computer-doctoring stattfinden lassen, zwecks Optimierung und Entmüllung aller meiner Systeme. Ist dabei vielleicht auch Deine Nachricht dermaßen verpfrmzlt worden, daß ich sie nicht mehr verstehe? Ich weiß es nicht.

Inzwischen stellt Urs Richle seine Collagen ein, Andreas Neumeister eine carte blanche, Helmut Krausser Tagebuchblätter, Jan Peter Bremer schickt Postkarten und Alban Nikolai Herbst Mitschriften aus der Welt der Chats, Johannes Jansens handschriftliche Notate aus dem Bunker erscheinen als Faksimiles, Dagmar Leupold und Judith Kuckart entdeckten denselben Geisterfahrer, Sabine Scholl Donna Haraway, John von Düffel, Burkhard Spinnen und Jo Lendle denken in Geschichten über’s Millenium nach und Angelika Klüssendorf über’s Klingeln, Perikles Monioudis über die Geschichten selbst, Leander Scholz über Frauen, Ingeborg Harms über Professor Flimmrich, Ulrich Holbein über Hitler und Kathrin Schmidt über Osen.

Nach nur acht Wochen gewinnt NULL so zunehmend an Kontur. Die wir durch einige vorsichtige Veränderungen lediglich verstärken wollen: So haben wir der Sternenkarte von NULL nun die thematischen Sternbilder eingezeichnet, die sich aus ihr bereits herauslesen ließen. Um so in Erwartung der Vielzahl an Texten, die es über’s Jahren noch geben wird, den Lesern die Orientierung zu erleichtern. Wir haben, wie erbeten, die Schriftgröße der Texte auf 13 Pixel erhöht. Die neue Rubrik In/Out schließlich weist auf jene Veranstaltungen von NULL in der realen Welt hin, die sich zunehmend ergeben, auf Links und assoziierte Texte des Projekts. Denn NULL ist zwar eine Anthologie im Netz, aber auch eine in der Zeit. Und also in der Welt. Es kommt mir doch langweilig vor, eine ordentliche Geschichte ganz einfach ins Internet zu tun, schrieb Katharina Hacker und konstruierte einen Hypertext, der, wie sie hinzufügt, zudem eine Gelegenheit ist, das eine oder andere Zitat hinzuzufügen. Etwa, wie man weiße Pfauenfedern reinigt. Eben.