November: Pixi-Bücher

 

 

 

8.11.1999



 

 

Seit kurzem im Besitz eines E-Books, das – Computergeschichte dritter Teil – zwar noch zu schwer und auch recht häßlich ist, ansonsten aber gut in der Hand liegt, muß ich leider sagen, daß mir das Umblättern keine Sekunde gefehlt hat. Verblüfft realisierte ich vielmehr, wie sehr der Umgang mit Texten am Bildschirm mich wohl längst konditioniert und vorbereitet hat. Nun macht der Gen-Mais der künstlichen Lektüren nur noch den kleinen Hopser aus dem Versuchsfeld ins richtige Leben und ich bin’s zufrieden. Die Vorteile der Volltextsuche sind mir entschieden wichtiger als das Rascheln der Seiten. Die Literatur wird ohne es auskommen. Zumal in ihr selbst längst überdeutlich die unheimliche Tektonik der medialen Kontinente spürbar ist, jene tiefdunkel knirschende Verschiebung aller kultureller Koordinaten, die, mehr als die Bücher, uns alle erfaßt. Doch gerade die neuen Bücher waren in diesem Herbst erkennbar die Glasscherben, die man in die Spalten der schon zermürbten Mauern gipste, um zu sehen, ob sie weiter reißen und wo.

Der hochgradig schillernde POP-Begriff, auf den man momentan so manches zu bringen versucht, markiert dabei nur höchst vorläufig und unscharf ganz unterschiedliche Positionen und Ansprüche in einer Entwicklung, die schon lange begann und jetzt in ihr entscheidendes Stadium tritt. Ein Blick in alte Feuilletons zeigt, wie überraschend schnell die Verschiebung der literarischen Perspektive vor sich ging, die etwa mit Thomas Pynchon oder Bret Easton Ellis in diesem Literatur-Herbst ganz selbstverständlich zwei Bücher als Lackmuspapiere der Gegenwart anerkennt, die bis vor kurzem lediglich unter großen Anstrengungen als postmoderne Spielereien zur Kenntnis genommen und am liebsten zu Steckenpferden verbildeter Literaturliebhaber erklärt wurden. Und auch Rainald Goetz wandelte sich für die Feuilleton-Leitartikler erst im letzten Jahr vom skandalverdächtigen Pop-Literaten zum wichtigen Konzeptionalisten unseres medialen Alltags. Lächerlich ist Bildung von Dietrich Schwanitz nicht deshalb, weil es voller Fehler und angelesener Irrtümer hinsichtlich eines Kanons ist, über den der Autor selbst nicht mehr gebietet, sondern weil die Idee eines Kanons selbst unterkomplex ist. Wichtiger als hierarchierbares Wissen ist in einer Zeit der Vernetzung ein Hinweis in einer Kritik zu Mason&Dixon, Thomas Pynchon sei in Glen Cove geboren, das wiederum in Kubricks Eyes Wide Shut als Straßenschild während der nächtlichen Autofahrt auf Long Island kurz durch’s Bild husche.

Zum ersten Mal trägt die Möblierung des öffentlichen Raums nicht mehr die Signatur einer anderen Generation, sondern reflektiert so schillernd wie realistisch die unterschiedliche Medienpraxis meines Alltags, die Diskurspluralität meines Wissens und meine aus den populären Fernsehmythen meiner Kindheit gespeisten Sehnsüchte in einer Weise, die noch vor kurzem lediglich szenetauglich gewesen wären. Endlich muß ich Corino, Karasek und Hamm und Hage nicht mehr lesen. Endlich wird Philip Roth nur noch irgendwo ganz en passant abgehandelt und gottseidank lenkt auch Günter Grass mich mit seinem Nobelpreis nur für einen Sondersendungsabend lang von Wichtigerem ab. Der Generationenwechsel ist vollzogen.

In den ersten literarischer Reflex auf diese Veränderungen haben sich in diesem Jahr ästhetische Positionen und technologische Entwicklung auf eine neue Weise verschränkt. Kein Zufall, daß in der Nachfolge von NULL, dem ersten Ort jüngerer deutschsprachiger Literatur im Netz, gleich mehrere Foren von Autoren entstanden sind. Im Pool wie im Forum der Dreizehn wird lebhaft miteinander gesprochen, mitunter sogar debattiert, ohne daß noch jemand auf die Idee käme, dies mit den altbekannten Modellen literarischer Öffentlichkeit – Stichwort Gruppe 47 – in Verbindung zu bringen. Die Literatur reagiert selbstverständlich und genau auf die medialen Erschütterungen, indem sie wie immer schon ihr Formenrepertoire erweitert.

Daher ist es wohl gründlich falsch, wenn Michel Houellebecq, dem mit seinen Elementarteilchen der verblüffende Trick gelungen ist, die Oberflächen eines Thesenromans so glatt zu polieren, daß alle Thesen auf ihnen haltlos werden, unser Zeitalter ein "nachmetaphysisches" nennt. Nur ist die mediale Fundierung unserer Zukunft noch unausgekleidet und in ihren Konsequenzen unabsehbar. Erkennbar ist bisher lediglich die Auflösung der gegebenen literarischen Standarts. Doch selbst nach dem Ende der Literaturkritik ist Hoffung. Auf dem Bestellformular von amazon zu Benjamin Leberts Cracy, wo sich fast einhundert Leserkommentare finden, schrieb Dana Shano bereits am 28. April, sie finde dieses buch absolut primitiv, unüberlegt und absolut schlecht geschrieben. bloss keine nebensätze ist wohl das motto des autors, vielleicht sollte man dieses buch als nächstes als pixi-buch herausgeben.