Oktober: WYSIWYG

 

 

 

11.10.1999



 

 

Das berühmte und weltweit einzig erhaltene Exemplar eines eiszeitlichen Wollnashorns im Naturkundemuseum in Krakau ist eine große Enttäuschung. Es hat kein einziges Haar an seinem hinterm Glas der Vitrine wie schwarzes Plastik schimmerndem Leib. Nur in einer kleinen Vitrine wird ein winziges Stück Fell ausgestellt, das sehr an den Überrest eines etwas angeschmutzten Autobezuges erinnert und bei dem man nicht einmal weiß, wo am Körper des Tieres es sich einst befunden haben mag. Etwa Mitte der 80er Jahre kam (kleine Computergeschichte zweiter Teil) plötzlich der Begriff WYSIWYG auf, der – What you see is what you get! – die neue Möglichkeit von DTP-Programme bezeichnete, Texte auf dem Bildschirm nun weitgehend so darzustellen, wie sie später auch auf dem Papier erschienen. Die Selbstverständlichkeit des sozusagen realistischen Bildschirms von heute war bis dahin durchaus nicht gegeben, vielmehr das Handling des Rechners geprägt von Abstraktion und Übersetzung ins bernsteinfarbene Licht der DOS-Befehle und damit auch für den normalen Nutzer vom Passieren einer Luftschleuse zu einer/seiner ganz eigengesetzlichen Welt.

 

Die medialen Veränderungen der letzten zwei Dezennien sind in diesem Sinn beschreibbar als Verlust von Traditionen der Translation. Wobei Translatio all jene kulturellen Sublimationstechniken meint, die als künstliche Formen auch die Literatur bestimmen. Längst ist ein ganz schlichter Begriff von Realismus, der sich recht eigentlich darin erschöpft, möglichst viel von der realen Sache auch im Abbild haben zu wollen, so sehr zum technischen Paradigma der neuen Medien geworden, daß es ausstrahlt als ästhetisches. Die Euphorie der direkten Wunscherfüllung erscheint im hyper- und überrealistischen Phantasma des computeranimierten Spielfilms ebenso wie in einem zur Zeit wieder erneuerten Begriff von POP. Gerade im WWW findet dessen Selbstverständnis, zu dem die Geste und die Präsenz des Sprechers genauso wie die über Codes definierte Gruppe gehört, einen idealen Hallraum. Die literarische Möglichkeiten und Grenzen solcher Projekte lassen sich seit einiger Zeit an pool beobachten, mit deren Machern Elke Naters und Sven Lager NULL vor einiger Zeit im Literarischen Colloquium in Berlin im Rahmen des Tunnels über der Spree diskutierte. Die entsprechenden Statements – auch von Sabine Scholl, Burkhard Spinnen und Leander Scholz ... – lassen sich in NULL ebenso nachlesen wie ein Beitrag des neuen NULL-Autors Georg M. Oswald über die Fiktionen bei derartigen literarischen Alltagsgesprächen im Netz.

 

Vor der Abreise aus Krakau war ich – auch – ein letztes Mal in der Czatoryski-Sammlung, ganz in der Nähe des Rynek, bei Leonardos Dame mit dem Hermelin. Der Weg zu ihr ist eine Erzählung, die mit den Harnischen und den Tartaren-Zelten beginnt, aufgeschlagen auf dem Parkett des alten Palais. Das Fell des letzten polnischen Bären folgt, Waffen ohne Zahl, dann Gobelins, Porzellan, Spieltische. Dann hat man die Wahl, sich linkerhand zu den Mumien und Antiken oder nach rechts treppauf zu den Gemälden zu wenden. Ein Oberlichtsaal mit goldener Bespannung und niedrigen Messingbalustraden vor den Bildern. In der Mitte des Raums kleine lederbezogene Sitze. Zwei russische Ikonen, Italienische Meister, Fayencen, eine Kopie Breughel d. Ä. aus dem achtzehnten Jahrhundert, der Wärter schaut von seinem Kreuzworträtsel nicht auf. Sicher wird es bald schon dieses Museum nicht mehr geben so, wie überall die Dinge kompatibel gemacht werden und alle Bilder gefügig, und nur die Literatur ist in der Lage, all jene Orte zu bannen, die noch nicht für das globale Bildgedächtnis normiert wurden, dessen Fluchtpunkt der Gatessche Bildspeicher ist. Einzig Sprache ist in der Lage, die Differenz zwischen Sehnsucht und Surrogat festzuhalten, auf dem Unterschied von realer Geschichte und ihrem medialen Abbild noch zu bestehen. Im letzten Saal eines jener runden Sofas mit säulenartiger Lehne, worauf ein Liebespaar sich durch meine Schritte gestört fühlt. Kurz erscheint eine Frau hinter dem rotsamtenen Pfosten, küßt aber weiter, als ich den Raum diskret zügig durchquere hin in das Kabinett, in dem, hinter Glas und allein, Die Dame mit dem Hermelin im Halbdunkel wartet, zitternd bewacht nur vom Schreiber des Hygrometers.

Schon kurz nach meiner Ankunft in Krakau, als im März noch alles ganz winterlich war, geriet ich einmal zufällig in ein Antiquariat, das wohl zugleich eine alte Leihbücherei war. Die oberen Regale waren gefüllt von zahllosen, in dasselbe weiße Papier eingeschlagenen Bänden, deren Rücken an der Stelle von Titeln nur handschriftliche, fünf- oder sechsstellige Nummern trugen. Zwei alte Frauen saßen seltsam bewegungslos neben einem alten Ofen. Es gab auch deutschsprachige Bücher dort, Lexika und Kunstbände zumeist, aber auch Stapel alter Zeitschriften und auffallend viele Reiseführer aus den dreißiger Jahren. Eingebunden in abgegriffen speckiges, ganz hautfarbenes Leder entdeckte ich schließlich auch einen deutschsprachigen Koran aus dem Jahr 1763: Mohammets Heilige Schrift. In einer medialen Kultur, die ohne Gedächtnis alles immer neu an die Stelle des Immergleichen stellt, wird es Spuren wie die jenes Buches nicht mehr geben, die an der Kante der Regale jener Leihbücherei so geheimnisvoll enden wie im feinen Sand einer Küste. Solche Spuren aber, denen man nachgehen kann, sind die keineswegs marginalen Feldlinien europäischer Kultur. Eine künftige Aufgabe der Literatur könnte es sein, ihr Gedächtnis der Vielfalt solcher Spuren zu überlassen, während anderenorts sich die ultimative mediale Drohung erfüllt: What you see is what you get!