Januar: Adventskalender und Flaschenpost

Thomas Hettche

 

 

 

1.1.1999



 

 

Keine Ahnung, wann ich zuerst ausgerechnet habe, daß ich am Ende des Jahres 1999 fünfunddreißig sein werde. So vertraut ist mir diese Rechnung. Die Addition der fehlenden Jahrhundertjahre zu meinem Geburtsdatum oder zu meinem aktuellen Alter war mir als Kind ein beruhigender Abzählreim, eine Litanei im Dunkeln, wie das Zählen der Pyjamaknöpfe oder der Herzschläge. Bis ich einschlief, betrieb ich das oft, maschinenhaft wie eine jener Puppen aus lange schon abgestoßenem und vom Wetter ausgeblichenem Fiberglas, die in den Märchenländern, wie man das nannte, die Wege durch eine Fichtenschonung säumten. Benjamins Engel allesamt: Prinzessinnen und Prinzen, Wölfe, Hexen, Zwerge, Frösche und Rehe, Ritter, Drachen, Jungfrauen, erstarrt unter Krüppelkiefern in den kenntlichen Posen ihrer Geschichten.

 

Warf man aber ein Geldstück in den entsprechenden Schlitz des diskret verdeckten Apparates, begannen der gestiefelte Kater, Dornröschen und Frau Holle sich vor ihren Knusperhäuschen und in ihren blau gestrichenen Betonseen zu bewegen. So endete das Märchen stets in der schnarrender Mechanik von Motoren, Zahnrädern und Gelenkstangen. Was einen an all die Rückblicke denken läßt, die Anthologien, Sammelbände, Leitfäden und Lexika, die es zum Jahrtausendende en gros geben wird. Formationen von Fakten, die angesichts der Möglichkeiten, zu denen das Internet uns herausfordert, schon jetzt so antiquiert erscheinen wie jene Märchenpuppen, denen manchmal dann ein Bonbon aus ihrem klappernd aufklappenden Maul fiel.

 

Schriftsteller mögen diese Art von Ergebnissen nicht. Sie träumen statt dessen den Traum des allumfassenden Buches, der nicht erst seit Borges der Literatur eingewoben ist. In dieser sind sie auf der Suche nach einer erkennbaren Welt jenseits der menschlich begrenzten Speicherkapazitäten unserer Rituale des Erinnerns. Die Literatur entbindet davon und – gleichsam verflüssigt – auch das Netz mit all seinem Stimmengewirr, seinen Überlagerungen und Widerprüchen, seiner Paranoia und Schönheit.

 

Woraus die Idee zu einem Ort im Internet entstand, der Adventskalender und Flaschenpost wäre und eine langsam über das letzte Jahr des Jahrtausends hinwegwachsende Anthologie junger deutscher Literatur. Und an dem sich so, nämlich in der Zeit, Beiträge bespiegeln und kommentieren können mit jener Transparenz und Geschwindigkeit, die erst das Netz ermöglicht mit E-Mail und Chat, Bildern und Tönen, dem unbegrenzten Raum und den flirrenden Konturen der Autorenschaft. Ein Kalender also auf das Jahr 1999. Weshalb dieser Ort im Netz auch NULL heißt. Ein Kalender jedoch, der nicht nur literarische Texte versammelt, sondern auch Fundgut jeglicher Art und unabhängig vom Datenformat das, was sich mitzunehmen lohnt ins nächste Jahrtausend und also in das Archiv, das NULL damit werden wird: Bilder, Töne, Gespräche, Essays, Comics, Scherenschnitte, Wetterkarten, Tagebuchnotizen, Arbeitsskizzen.

 

Die Debatten der Alten aber, derer die jüngeren Schriftsteller hierzulande nicht zufällig zumeist sich enthalten, werden sicher hier nicht geführt, vielleicht aber wird eine Spur gelegt werden, die aus diesem letzten Jahrtausendjahr ins Kommende führt. Und zwar entlang von Texten der Autoren jener Generation, für die erstmals die Rituale des Bleistifts nicht mehr gelten. Denn das Netz selbst ist das Dokument eines Generationenbruchs. Die Zeit der Experimente, der Link-Sammlungen und Selbstverlage im Netz ist vorüber. Vielmehr führt es vor, wie sehr die Veränderungen der Arbeitstechnik eine der Öffentlichkeit ist und die der Literatur eine ihrer medialen Voraussetzungen. Davon will NULL berichten.

 

Zugleich aber könnte NULL auch so etwas wie der Balkon über den Dächern der Stadt sein, auf dem man schließlich sich einfindet, feiernd und frierend, miteinander im Gespräch oder in Gedanken versunken, auf jeden Fall aber in Erwartung des Feuerwerks am Ende dieser einjährigen Silversternacht. Dazu möchte ich Leser wie Autoren einladen und freue mich nicht nur auf all jene, die ihr Kommen schon zugesagt haben, sondern selbstverständlich auch auf überraschende Gäste. Bis dann die Raketen hochgehen und die Uhren umspringen werden. Erst dann wird auch NULL erstarren wie jene glasfibernen Märchenpuppen mitten in der Bewegung, als die Zeituhr den Strom unterbrach.