Theater 2000
John v. Düffel
 

 

 

27.9.1999


 

 

Das Jahr 2000 naht Tag für Tag, und irgendwie ist immer noch nicht klar, was man denn nun davon halten soll. Wie jedes Großereignis wirft es seine Schatten voraus. Es war schon mehr ein Wink mit dem Zaunpfahl, als die Astronomen uns neulich eine Sonnenfinsternis voraussagten. Da wehte einen schon sowas an, so ein Hauch von Endzeit und Apokalypse.

Doch die von allen Medien angeheulte "Sofi" war – seien wir mal ehrlich – ein Flop. Und die einzige Angst, die sie unter den Menschen wirklich auslöste, war schlußendlich die, daß das Jahr 2000 irgendwie genauso sein könnte: ein bißchen kühl, bedeckt, schwach windig, und alle haben sich vorher für teures Geld Brillen und anderes Gerät gekauft, das sich als völlig unbrauchbar herausstellt.

Zum Beispiel Computer. Erschreckend ist doch nicht, daß pünktlich zum Neuen Jahrtausend sämtliche Rechner abstürzen, erschreckend ist vielmehr, daß diejenigen, die diese Dinger noch vor ein paar Jahren programmiert haben, offenbar nicht damit gerechnet haben, daß die Menschheit das dritte Jahrtausend jemals erreicht. Gerade in der Computerbranche – einem Wirtschaftszweig, der sich mehr als alles andere der Zukunft verpflichtet fühlt – herrschte anscheinend bis vor kurzem die Ansicht, daß Mensch und Maschine über die 90er Jahre nicht hinauskommen.

Anders das Theater, dezidiert keine Zukunftsbranche, aber immerhin schon seit zweieinhalb Jahrtausenden auf dem Markt. Inmitten der Globalisierungen und Modernisierungen fragt es beharrlich altmodisch nach dem Individuum. Was ändert sich eigentlich für den Einzelnen? Was soll, was kann er tun? Besteht Hoffnung, daß die guten Vorsätze des Individuums Sylvester 2000 stabiler sein werden als all die Jahre davor? – Fragen, die man sich vom Theater gefallen lassen muß. Die Gegenfrage ist, wie lange noch.

In der Tat ist es so, daß eine gewisse Ernüchterung eintritt, sobald man das Ich und das Dritte Jahrtausend zusammendenkt, vor allem, wenn es sich um das eigene Ich handelt. Schnell verläßt einen der frohsinnige Optimismus, daß sich alles ändern wird, denn das würde ja bedeuten, daß man sich ändern müßte. Und je klarer man sich diesen Sachverhalt vor Augen führt, desto mehr verliert das Jahr mit den drei Nullen seine utopische Qualität.

Auch die Apostel des Internets scheinen die Hoffnung aufgegeben zu haben. Einige sitzen noch immer mit christlicher Geduld vor ihren Monitoren und warten darauf, daß sich die angeklickten Webseiten, von denen sie schon immer nichts wissen wollten, allmählich aufbauen. Aber auch die Hartgesottensten unter den Internet-Reisenden, die sich nach wie vor "Surfer" nennen und nicht – was der Realität mehr entsprechen würde –x "Mauswanderer", verläßt allmählich der Glaube daran, das Ich verändern zu können. Es geht nur noch darum, es zu vernetzen. Nachdem der angekündigte Tod des Subjekts Anfang der Neunziger nicht eingetreten ist, scheint dies die einzige Möglichkeit, der Niederlage des Alleinseins zu entgehen. Vernetzte Einsamkeiten. Aber auch dies kann schwerlich darüber hinwegtäuschen, daß es das Ich 2000 ohne uns nicht geben wird. Ein deprimierender Befund. Aber für das Theater läßt er hoffen.