Wetternet
John v. Düffel
 

 

 

25.5.1999


 

 

Das ist ja irgendwie noch nicht gelöst – oder gibt es schon eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Zweck von Internet bei schönem Wetter? Ich meine: Mai, das ungebrochene Naturerlebnis auf dem Weg von der U-Bahnstation zum Schreibtisch, die tiefschlagartige Wirkung nabelentblößender T-Shirts auf die Arbeitsmoral und was der Anfechtungen mehr sind. Selbst bei ungeputzten Fenstern und nikotingrauen Gardinen eine für diese Breiten unerhörte Sonneneinstrahlung, die sämtliche Bildschirme erblinden läßt. Binnen weniger Stunden ein Temperaturanstieg, der den Unterschied zwischen geistiger und körperlicher Arbeit empfindlich verwischt – wer schwitzt schon gerne beim Denken. Auch die vielgepriesene frische Luft verschafft keine Linderung. Blütendüfte, Reifegerüche, Sommerschwüle – was einem da durch die Nase direkt ins Gehirn zieht, ist der Tod der Virtualität.

Säfte, Kräfte, Triebe – der Monat ist berühmt für seine ins Kraut schießende Fruchtbarkeit. Die ganze Welt ein in der Sonne brütender Komposthaufen. Pollenflug und Paarungszeit. Das Gefühl, mit einer Biologie geschlagen zu sein, die älter ist als man selbst. Was für ein hoffnungsloses Unterfangen, dagegen an zu denken! Scheitern schon im Ansatz. Jeder Gedanke verflüchtigt sich nach kürzester Zeit ins Wolkige. In diesen Tagen gibt es kein treffenderes Sinnbild des menschlichen Denkens als ineinander schwirrende Mückenschwärme. Spirituelles Gesumme in der Luft. Und das Beste daran ist: Wen kümmert’s?

Vernetzung. Ich habe plötzlich das Gefühl, auf ganz leibhaftige Art und Weise vernetzt zu sein. Naturvernetzt, wenn das Wort erlaubt ist. Oder, wenn man so will, in einem sehr körperlichen Sinne online. Frühlingshafte Usergelüste und Hummeln im Hintern. Machen wir uns nichts vor: Es gibt ihn nicht, den schönwetterresistenten Nordeuropäer. Ob wir es wollen oder nicht, wir alle zappeln im Wetternet. Und wißt ihr was, Leute, schreibt ihr weiter – ich geh surfen!