Zweitausendfähig
John v. Düffel
 

 

 

12.4.1999


 

 

Jetzt mache ich mir aber doch Gedanken, wer hier zweitausendfähig ist. Allenthalben wird im Hinblick auf den Jahreswechsel mit der Doppelnull die Frage nach der Zweitausendfähigkeit gestellt. Anfangs hat mich das geärgert. Aber das lag wohl daran, daß ich es wie immer im Leben viel zu persönlich genommen habe. Ich fühlte mich irgendwie angesprochen, als es auf einmal ganz unverblümt hieß: "Sind Sie zweitausendfähig?" Es war zu später Stunde, beim letzten Streifzug durch die Wiederholungssendungen im Nullquotenbereich, also nicht gerade zu einer Tageszeit, da man mit einer Morgenstund-hat-Gold-im-Mund-Gestimmtheit in die Zukunft sieht. Und es dauerte eine Zeitlang, bis mir klar wurde, daß mit "Sie" nicht ich gemeint war, sondern – pars pro toto – mein Computer.
Ob mein Computer zweitausendfähig ist. Im Grunde könnte mir das wurscht sein. Ist es aber nicht. Vielleicht liegt es an der Art der Fragestellung: Sind Sie zweitausendfähig? Man könnte schwerlich darauf antworten, ich schon, aber mein Computer nicht, bedaure. Oder auch: mein Computer schon, aber ich persönlich, leider nein. Haarspaltereien sind in diesem Fall nicht vorgesehen. Jeder Mensch ist so zweitausendfähig wie sein PC.
Bitte, beschwöre ich also das Gerät und damit auch zu einem guten Teil mich selbst, bittebitte, sei zweitausendfähig. Ich würde mich schämen, wenn nicht. Ich würde vor Scham die Wohnung nicht mehr verlassen. Und es würde mir rein gar nichts nützen, da heutzutage alles mit allem verbunden und vernetzt ist. Ich würde schamrot vor meinem zweitausendunfähigen Computer hocken bleiben wie für alle Zeit, und er würde nicht aufhören, ein schlechtes Licht auf mich zu werfen. Ein hundsmiserables Licht. An mich adressierte E-Mails kommen zum Absender mit dem Vermerk zurück: Empfänger zweitausendunfähig. Adressendealer aus der Web-Welt indizieren meine Codenamen mit häßlichen kleinen Zusätzen. In weniger als 24 Stunden mutiere ich zur web-weiten Unperson. Also, bitte, liebes Gerät, mach mir keine Schande, tu mir das nicht an!
Vielleicht sollten Sie jemand fragen, der sich damit auskennt, denke ich und maile am nächsten Morgen einen Bekannten an, einen Computerfachmann, der mir erklärt, das Problem sei die zweistellige Jahreszahl. Ich versuche, aus seinem Fachchinesisch das Wesentliche für meine bescheidenen Zwecke herauszufiltern, und verstehe ungefähr soviel, daß sich die Programmierer seinerzeit, um Platz zu sparen, bei den Jahresangaben meist auf zwei Ziffern beschränkt haben. Ein menschlicher Zug von den Programmieren, finde ich, die doch sonst immer an alles denken. Aber in diesem besonderen Fall haben sie am falschen Ende gespart. Womöglich weiß mein PC gar nicht, daß ein Millenium bevorsteht. Statt 1999 registriert er lediglich die Doppelneun, und während am Silvesterabend allseits das Neue Jahrtausend herbeigezählt wird, springt er seelenruhig auf 1900 um. Ich würde vor Scham in den Boden sinken. Womit schon mal klar ist, wo ich die Jahrtausendwende verbringen werde. Vor dem Computer. Den bangen Blick auf die Datumsanzeige gerichtet.
Andererseits, was wäre daran eigentlich so schlimm – einmal abgesehen von den sozialen Komplikationen, die sich einstellen, wenn man plötzlich um einhundert Jahre zurückgeworfen wird. Mein Computerfachmann hat für diese Nachfrage wenig Verständnis. Ich würde praktisch keine Datei mehr wiederfinden, weil es die Dateien, die ich suche, um 1900 noch gar nicht gab. Alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben habe, wäre aus Computersicht ferne Zukunft. Ich müßte praktisch ganz von vorne anfangen.
Das Jahr Null, denke ich und fange nun wirklich an, mich für diese Vorstellung zu begeistern. Denn mal ehrlich: Haben wir nicht alle miteinander eine Heidenangst, daß wir am Neujahrsmorgen 2000 aufwachen und alles läuft so weiter wie bisher? Dieselben öden Daten auf der Festplatte, abgetakelte Computerspiele und nie e-gemailte Liebesbriefe, der ganze Ballast der letzten tausend Jahre, alles schleppen wir weiter mit uns herum, und die Jahrtausendwende ändert schlichtweg nichts daran. Leute, ehrlich bleiben! Schon am vierten Januar 2000 sind unsere Vorsätze vergessen, die Nullen-Euphorie verrauscht und auch der Kater auskuriert, der uns noch immer irgendwie mit diesem digitalen Großereignis vernabelt hat. Wir werden weiterwurschteln wie bisher. Es gibt nur eine Möglichkeit, dieser Weiter-und-immer-so-weiter-Kalamität ultimativ zu entgehen. Ich sage nur, 1900. Wer wirklich eine zweite Chance will, der sollte dafür sorgen, daß er noch einmal in die Vergangenheit zurückkehrt, in eine Zeit, bevor es ihn überhaupt gegeben hat. Prosit, zwanzigstes Jahrhundert! Game over! Try again!