Späte Versuche, die Zeit anzuhalten
John v. Düffel
 

 

 

5.3.1999


 

 

Ist etwa schon wieder März? Das darf doch nicht wahr sein, daß jetzt schon wieder März ist! Irgendwie war kürzlich erst Silvester, und ich hatte eben noch das bestimmte Gefühl, ich würde mit offenen Augen auf das Neue Jahrtausend zu rasen, ein Roadmovie durch die Zeit, hatte ich gedacht, eine Reise durch den Kalender wie durch die Weiten Nordamerikas, Route 66 auf Terminebene, dachte ich. Und jetzt ist schon wieder ein Vierteljahr vorbei, und ich habe noch immer nichts gemerkt.
In meinem Roadmovie würde ich jetzt anhalten, die Landschaft zum Stillstand bringen und aussteigen. Das erste Viertel des Films im Rücken, setzt der Held einen Fuß aus dem Auto. Er tritt in den Staub, stellt sich auf einen einsamen Hügel und inhaliert die Prärie in Erwartung des Problems.
Berlin ohne Jahr. Ich komme zu einem Kurzbesuch nach Hause und mein Neffe begrüßt mich mit: "tschüß, John!" Ich muß ohnehin gleich wieder gehen. Tschüß ist mein erster Vorname. Überall, wo ich hinkomme, bin ich schon wieder weg. Ich bin Spezialist für Abschiede, tut gar nicht weh. Meine Gegenwart ist nichts als vorauseilende Abwesenheit. Wenn ich mich länger als zwei, drei Stunden irgendwo aufhalte, überkommt mich das Gefühl, ich stünde im Stau. Das Roadmovie-Syndrom, die Show muß weitergehen.
Für mich selbst überraschend: meine neuerliche Neigung, nicht ins Bett zu finden. Dabei lobe ich zuweilen öffentlich den Schlaf vor Mitternacht und bin Platz sieben auf der Liste der gefürchteten zehn Frühaufsteher im Theater. Sicher wäre es voreilig, mir senile Bettflucht zu attestieren. Aber was ich schätze an den vom Leben losgelösten Stunden – drei, halbvier Uhr morgens –, ist die Krümmung der Zeit und ihre zwanglose Verlangsamung. Die plötzlichen Momente des Nichtvergehens, wenn das Ticken von den Sekundenzeigern abtropft und die Leere der Zeit eine Stimmung wird, die kein Scheibenwischerschlag mehr unterbricht. Geparkte Zeit und einfach nur sitzen, sitzen, als wäre man der einzige Überlebende nach einer Massenkarambolage.
So müßte man eigentlich Silvester 2000 verbringen, in einer Seifenblase aus Zeit. Könnte nicht irgendein Wissenschaftler zur Abwechslung einmal herausfinden, daß der Zeitpunkt für den Jahrtausendwechsel nicht am 1.1.2000 um 0.00 Uhr, sondern bereits am zweiten Weihnachtstag um 4.17 Uhr morgens ist, wenn die Zeit wirklich für ein paar Lidschläge aussetzt. Ich biete das Honorar für diesen Artikel als Preisgeld für denjenigen, der nachweist, daß Silvester schon gewesen ist. Und ich werde auf ihn trinken zu irgendeiner aus der Zeit gefallenen krummen Stunde, die es auf den Radioweckern unseres Lebens gar nicht gibt.