Das Jahr des Sonderangebots
John v. Düffel
 

 

 

22.1.1999


 

 

Entgegen allen Voraussagen wird das Jahr 1999 nicht einfach. Wer glaubt, daß erst mit der konfusionsstiftenden Umstellung sämtlicher Rechner auf das Datum 01.01.00 all unsere Probleme beginnen, der irrt gewaltig und sollte von daher nicht weiterlesen, wenn er sich diese süße Illusion bewahren möchte. Wie der Verband der deutschen KassiererInnen auf einer Jahrestagung der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen unlängst hervorhob, birgt bereits das diesjährige Datum allerlei zahlentechnische Tücken für den Alltag. Allen voran die nicht zu unterschätzende Verwechslungsgefahr von Ladenpreis und Haltbarkeitsdatum, beispielsweise bei einer 5.99 DM teuren Dosensuppe, die irreführenderweise bis 4.99 haltbar ist - oder krasser noch: der Fall einer Konfektschachtel für 14.99 DM, die der Kunde womöglich ohne Täuschungsabsicht zum lächerlichen Preis einer Haltbarkeit bis 8.99 ersteht, so geschehen in einem zu trauriger Berühmtheit gelangten Supermarkt in Kaufbeuren.
Dabei wendet sich die empörte KassiererInnenschaft insbesondere gegen die landläufige Praxis, etwaige Fehlbeträge, die bei der Inventur festgestellt werden, den Mitarbeitern vom Monatslohn abzuziehen. Diskutiert wurde deshalb als Kompromißlösung der Vorschlag, die Supermarktpreise für die Dauer dieses Jahres einheitlich auf volle Beträge anzuheben, um dann im Jahr 00 wieder zu den üblichen 99er Sonderangebotstarifen zurückzukehren und damit gleichsam ein Millenium der Preissenkungen einzuläuten.
Gegen die versteckten Preiserhöhungen, die damit für das laufende Jahr drohen, wendet sich wiederum der Verband für Verbraucherschutz. Er weist in einem Protestschreiben darauf hin, daß sich die meisten Preise für Billigprodukte unterhalb der Zehnmarksgrenze bewegen. Aus diesem Grund sei vielmehr zu befürchten, daß mit fortschreitenden Haltbarkeitsdaten überwiegend der Verbraucher in Nachteil gerät - man denke nur an die Preisentwicklung der Verfallsmonate 10.99, 11.99, 12.99! Der einfache Kunde hätte damit im weiteren Verlauf des Jahres eine rasante Inflation in Kauf zu nehmen, die die Grenze des Zumutbaren überschreite.
Darüber hinaus werden dem Verband der deutschen KassiererInnen erhebliche Denkfehler nachgewiesen. Es sei davon auszugehen, so die Verbraucherschützer, daß bereits im Jahr 99 eine große Anzahl von Produkten verkauft würde - Konserven, Tütensuppen, Gefrierhähnchen oder ähnliches -, die bis ins Jahr Zweitausend haltbar sind. Bei einheitlichen Vollpreisen würde das Preis-Haltbarkeits-Problem somit bei längerfristig haltbaren Produkten von Neuem auftreten und die Transparenz der Preisgestaltung gerade für die finanziell eher schwächergestellten Tütensuppenkäufer unter den Kunden nachhaltig gefährden.
Die KassiererInnen reagierten mit Verärgerung auf diese Vorwürfe. Schließlich hätten sie die Öffentlichkeit überhaupt erst für das Preis-Haltbarkeits-Problem sensibilisiert. In einem mit deutlichen Worten geführten Telefongespräch einigten sich die Verbandsspitzen darauf, einen ranghohen Politiker als Schlichter anzurufen. Über den Inhalt des zu erwartenden Schlichterspruchs wird noch spekuliert. Größte Chancen hat ein Alternativvorschlag aus den Reihen der produzierenden Industrie, der vorsieht, auf Haltbarkeitsdaten in diesen ungewissen Zeiten gänzlich zu verzichten.