Ode an die Geisterstunde. Um Mitternacht zu lesen.
John v. Düffel
 

 

 

14.1.1999


 

 

Was mich heute Nacht nicht schlafen läßt, ist die Frage: Wird es im nächsten Jahrtausend noch Gespenstergeschichten geben? Und wenn ja, wer glaubt überhaupt noch daran? Oder wird sich wenigstens eine verschwindende Minderheit zusammenrotten (vielleicht ein paar Leute in einem Wirtshaus im Spessart), die zwar nicht daran glaubt im Sinne von 'Glauben', aber doch daran glaubt im Sinne von 'Aberglauben'? Wird es das nach 2000 noch geben, das abergläubische dreifache Klopfen auf Holz, das dreimalige Spucken über die Schulter, die beschwörenden Wünsche des Gegenteils: 'Hals- und Beinbruch' bei Skihasen, bei Schauspielern 'Viele Versprecher, du Schlampe' und das furchtsam-bescheidene 'Wird schon schiefgehen' der Verwünschten? Das war schon deutlich mehr als eine Frage, und es bleibt nicht mal dabei.
Wer bekommt im Jahr Zweitausend die erste Gänsehaut um Mitternacht bei dem Gedanken an Wiedergänger, Untote und Poltergeister? Wer zieht sich als erster das Laken über den Kopf zum Schutz gegen Inkubus, Sukubus und die Trolle im Nachtspind? Und wer ist der späte Gast im Internet, der sich nach durchsurfter Geisterstunde vor lauter Grusel nicht mehr aufs Klo traut? Bitte melde dich!
Ich habe einen Alptraum, und er beginnt immer auf diesselbe Weise damit, daß Glock Zwölf am 31.12.1999 alle Horrorfilme endgültig Parodie werden. Die Feuerwerkskörper, Chinaböller und Kanonenschläge vertreiben die bösen Geister ein für alle Mal auf Nimmerwiedersehen. Zu diesem abergläubischen Zweck wurden sie seinerzeit angeschafft, aber das war schließlich noch im alten Jahrtausend. Ab 0.00 Uhr am 1.1.2000 ist der Aberglaube schon Geschichte. Es gibt keine bösen Geister mehr. Es gibt nichts mehr zu vertreiben. Es wird nie wieder Chinaböller geben. Sie haben ihren Dienst getan. Schaurig-schöne alte Zeit - adé!
Ich kann noch immer nicht schlafen und pflücke mit Blick auf das Kommende schon einmal die zahllosen Knoblauchzehen von meinem Monitor. Einigermaßen beschämt, aber auch ein wenig wehmütig entferne ich die Hasenpfote von ihrem Platz neben der Tastatur: o du mein kuscheliger kleiner Fetisch, mit dem ich so innig und so oft Händchen gehalten habe, wenn ich nicht wußte, wie es weitergeht. Ich wickele die Pfote mit den unübersehbaren Anzeichen von Fellausfall in ein Kleenex und werfe sie eher unfeierlich in den Müllschlucker. Ich denke nicht daran, mich zu bekreuzigen - das heißt, ich denke schon daran, aber ich tue es nicht -, und ich murmele auch nicht die landläufigen Bannsprüche gegen Rattenplagen und Hausmüllgeruch. Im nächsten Jahrtausend werde ich ganz auf mich allein gestellt sein.
Unfreiwillig kommt mir in den Sinn - ich bin schon auf dem Weg zurück ins Bett und biege doch nochmal ins Arbeitszimmer ab -, wie damals in unaufgeklärten Kindertagen die Gruselgeschichten endeten, die ich festmeterweise verschlang. Das Besondere, das besonders Unheimliche war, es blieb immer etwas zurück. Mochten sich andere Geschichten am Ende in Wohlgefallen auflösen, bei Gruselgeschichten gab es immer einen nachherig verwunschenen Ort, ein unglückbringendes Requisit auf gefahrvollem Weg durch die Welt, einen bleibenden bösen Zauber. Das war der Sinn von Gruselgeschichten, daß man am Ende erst so richtig anfing, sich zu fürchten: vor dem seltsamen Fleck im Teppich, der allen Reinigungsversuchen widersteht, weil es das Blut unschuldiger Kinder ist, das hier vergossen wurde; vor der Brosche von Tante Else, die immer wieder an ihren Platz zurückkehrt, so oft man sie auch zu verlieren versucht; vor einer wie auch immer unerlösten Vergangenheit. Und so endeten all jene Gespenstergeschichten denn auch stets mit ein und demselben Satz: 'Seltsam, aber so steht es geschrieben'.
Ist es jetzt abergläubisch von mir, wenn ich meine, die Geister der Vergangenheit werden ganz sicher nicht die Zeitschwelle zum neuen Jahrtausend überqueren, sondern wie mephistophelische Pudel jaulend vor dem Bannkreis dieses Datums innehalten? 'Wir müssen leider draußen bleiben.'
Und selbst wenn. Selbst wenn der Glaube daran, daß die Zukunft jetzt endlich beginnt, ein Aberglaube sein sollte, meine ich, daß wir es der neuen Zeit schuldig sind, von nun an dazu überzugehen, die Dinge entweder zu wissen oder zu ignorieren, ein Drittes gibt es nicht. Ich, für meinen Teil, werde jedenfalls schon heute nacht damit beginnen, mit dem Glauben aufzuhören, Glauben im Sinne 'Aber-gleichwohl-trotzallem-dennoch- daran-Glauben'. Bis zur Jahrtausendwende werde ich tagtäglich und nachtnächtlich Stück für Stück die Rumpelkammer meines Aberglaubens leerräumen. Und wenn der Glaube an die Zukunft dabei mitgeht, sei's drum. Seltsam, aber so steht es geschrieben.