Japan 3
Ulrike Draesner

 

 

 

31.12.1999


 

 

Sie gingen durch die Stadt. Alles hier war Stadt. Straßen bergauf, wieder bergab. Sie waren im Süden. Eine Insel, das Land, wie ein Fisch. Wie ein zerteilter Säugling. Woran du nur wieder denkst! Sagte sie sich selbst. Vielleicht hatte sie zu lange als Krankenschwester gearbeitet. Bis zu jenem italienischen Eis. Salmonellen. Seither als Krankenschwester disqualifiziert. To change the subject. To change your job. Sie gingen über eine Brücke aus Glas. Das indische Restaurant im Führer als "schwer zu finden". Sie liefen ziellos herum. Einkaufspassagen. Warm, dunkel, kein Regen. Der Fluß machte eine große Schleife, mitten in der Stadt. Hier war sein Inneres. Stadt war überall. Die Marktarkaden geschlossen. Sie fanden das Haus zufällig. Fünf Tische. Eine Frau und ihr Sohn were running it. But it ran them.
Am Tisch neben ihnen eine hochschwangere Inderin, ihr Mann, die Schwiegermutter. Am Ende bekamen sie, weil sie solange auf ihr Essen hatten warten müssen, ein Eis extra. Das indische Englisch war leicht zu verstehen im Vergleich zu dem Englisch vor der Tür. Die Inderin hatte sich als Geburtsbeistand die Schwiegermutter geholt. Sie fand das komisch. Konnte aber nicht danach fragen. Warum auch. Man trennte sich. Würde sich nie wiedersehen.
Draußen war es unvermindert heiß. Der Fluß träge, wie alle Flüsse in Japan, die etwas auf sich hielten. Vielleicht war der Fluß auch nur ein Wallgrabenwasser, kein Fluß. Jedenfalls stieg hinter ihm das Schloß auf. Ein Schloß besteht aus Mauern; insofern erkannte sie das Schloß sofort als Schloß. Die Mauern jedoch waren ein Labyrinth. In- und hintereinandergestaffelt zogen sie sich den Hang hinauf. Stiegen erst sanft an, wurden senkrecht, hingen über. Und oben stand gar kein Schloß. Nur zwei Türme. Rundgänge, Holz. Das oberste und kleinste Zimmer des Hauptturmes setzte sich aus den Mauern draußen und den Räumen zwischen diesen Mauern zusammen. Sie verstand sofort. Ein Luftzimmer. Sehr seltsam. Sie fühlte sich wohl. Es regnete wieder. Vom Ausgang des Turms rannten sie zur nächsten Wandnische. Unter einem roten Schirm küßten sie sich. Das war am Nachmittag gewesen.
Jetzt gingen sie in der Dunkelheit, an der äußersten Mauer, vor dem Fluß, noch einmal zum Schloß hinauf. Der Turm, weiß und braun, unberührt. Eine Pagode, im Mondlicht. Sie hatte das schon einmal gesehen, genau so. In einem Buch? Auch wie links die Bäume verschwammen, die Farben sich auflösten, als läge unten das Meer. Wie aus einem Buch in ihrem Kopf. War es ein Bild?
Sie erkenne es aber wieder. Etwas dieser Art sagte sie zu ihm. In etwa diesen Worten. Woran sie nur wieder denke. Wie sie darauf komme. Aus dem Dunkel lief ein fremder Mann auf sie zu. Sie stand da, allein. Ihr Herz raste. Der Mann joggte. Er wollte nichts. Starrte sie verwundert an. Wahrscheinlich weil sie ihn so angestarrt hatte.
Zurück im Hotel, vorm Spiegel, entdeckte sie die beiden kleinen Bluttropfen auf ihrer Stirn. Links oben und eine Messerbreite weiter unten. Sie wischte sie ab. Sie waren geronnen. Sehr klein. Wie Mückenstiche. Aber keine Schwellung. Das Gefühl, hier einmal gelebt zu haben. In dem Turm. Als Samurai. Oder einfacher Schwertkämpfer. Natürlich sagte sie davon nichts. Was sie nur wieder dachte. Du spinnst, sagte sie sich. To change the subject.
Zweifellos würde sie dort, wo sie war, nicht lange bleiben. Die Stiche waren nicht mehr zu sehen.