Japan 2
Ulrike Draesner

 

 

 

31.12.1999


 

 

Unten kreischen die Senij. Sie kreischten nicht. Zirpten nicht. Geschweige denn sangen sie. Ton "kaputte Kühlanlage". Wie der Ventilator außen am Supermarkt, direkt über dem Regal mit den Mangas. Im Schaufenster war das Regal mit den Mangas von hinten zu sehen. Von vorn, ab 22.00 Uhr, wenn sie von der Arbeit heimgingen, waren, im Schaufenster, die Manga-Leser zu sehen. Männer und Frauen. Geduldig. Die Hefte waren schließlich dick. Und jeder dritte Laden ein Supermarkt. 24 hours. 24 hours kreischen die Zikaden. Tag oder Nacht war ihnen egal. Oder eins. Wie sollte man sagen. Sie fraßen nicht. Sie lebten in purem Sex. Fielen von Blättern, paarten sich, starben. Nur Regen mochten sie nicht. Dann machten sie eine Pause. Wahrscheinlich versagte die Schrillmechanik, wenn die Luftfeuchtigkeit 97% überstieg. Die Manga-Leser waren vor dem Regen in den Supermarkt geflüchtet. Aufgewärmte Sushi. Chicken wings. Im Labor über ihnen, 43. Stock, teilten virale Gentaxis sich alle 20 Minuten. Exponentielles Wachstum. Die Senij verbrachten sechs Jahre ihres Lebens unter der Erde. Jetzt flogen sie, handtellergroß, dunkelpolierte Dosen, taumelnd durch die Nacht. Die Kinder liefen mit Schmetterlingsnetzen zwischen die Bäume. Manche schauten den Paarungen zu. Beim Fangen schienen sie jedoch nicht zielvoller vorzugehen als andere, die nicht zugeschaut hatten.
Lautlos fuhr die U-Bahn ein. Die Fahrpläne wechselten, je nach Betreiber, Farbe und Himmelsrichtung. Warum sollte Norden immer oben sein? An den Haltestangen im Wagen schwangen bunte Werbeplakate, drei in einer Reihe. Der Zug fuhr ohne Schaffner. Niemanden hielt das, wie in Old Europe davon ab, ihn zu benutzen. Am Frontfenster standen die Kinder mit ihren Netzen und fingen die Strecke ein. Flugzeuge schief, schräg, hingen jede Minute über dem Fluß. Sie machte ein Foto. Die Kinder hatten einen Senij aus dem Netz gezogen. Ein Mädchen hielt ihn fest, ein anderes drückte. Der Senij streckte seine Füßchen ab, einen nach den anderen. Dann den Flügel. Nur einen. Als kleines schwarzes Zeichen lag er auf der Hand.
Sie ging in ein Café, dritter Stock. Unten eine Kreuzung, fünf Richtungen. Leute liefen zusammen, verteilten sich. In der Ecke ihr gegenüber stand ein Automat. Aus jedem Land ein Lied. Ihre 100 Yen klickerten durch den Zahlmechanismus, laut und hell, wie Kugeln durch Pachinko-Maschinen:
Am Brunnen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum;
Ich träumt' in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.
Das Labor, 24 hours, hoch oben im Wolkenkratzer, kratzte an Enzymen. Der Japaner, der nach ihr den Automaten bediente, hielt ein Mangaheft unterm Arm. Sie schaute auf ihre Uhr: 22.24. Sie ging. Die Auslage einer deutschen Bäckerei warb mit perfekt glasierten Aprikosenhörnchen. Knallorange. Im 43. Stock brannte noch Licht. Bald begann das neue Jahr. Hessei 12. Epochenname Nr. 247. Die Senij kreischen. Ende August starben sie. Alle auf einmal. Die Aprikosenhörnchen war bestens zu sehen, doch zweifellos würden sie dort, wo sie waren, nicht lange bleiben.