Japan I
Ulrike Draesner

 

 

 

8.11.1999


 

 

Der Lift sauste die 46 Stockwerke hoch. Ein Sternenhimmel erschien, die Liftbegleiterin säuselte Unverständliches Richtung Schaltbord, sah niemanden an. Ein Ruck. Sie wünschten sich eine Mutation des Magen-Gens, sofort! Doch weiß behandschuhte Hände öffneten lautlos die Tür, die Liftbegleiterin verbeugte sich.
Tatsächlich, vor den Aussichtsscheiben glitzerte die Stadt im Nachmittagslicht. Sie setzten ihre neu gekauften, 10 Yen Sonnenbrillen auf und kämpften sich zwischen den Automaten (Cola, Tee, Suppe, Fotos, Plüsch) nach vorn. Durch die Panoramaaufdrucke auf den meterhohen Fenstern blinzelten sie auf die Wirklichkeit. Dort also der Fuji, wäre da nicht so viel Smog. Wenigstens die Stadtautobahn sahen sie glänzen, ebenso den gerade hereinsausenden oder heraussausenden bullet train. Auf einem der Hochhausdächer entdeckten sie einen großen Käfig aus Maschendraht. Darin ein einzelner, schwarz gekleideter Mann. Die Golfbälle erkannten sie nicht einmal mit dem Fernrohr, das für 60 Yen 10 Sekunden Nähe freigab. Sie blinzelten sich an und gingen zum nächsten Fotoautomaten. Choose a panoramic view of Tokyo! Die eigenen Gesichter wurden davorgesetzt. Man wünschte sich eine Veränderung des Mund-Lachmuskel-Gens, sofort. Nach einer Minute 16 Abziehbilder, Tokio-zur-Silvesternacht 2000, bereits heute. Sie blinzelten sich an, was sie natürlich nur konnten, weil sie inzwischen die Sonnenbrillen abgenommen hatten. Hinter den Wolken, dort, wo der Fuji hätte liegen sollen, und noch ein Stück weiter, die Erdkrümmung hinunter, hing also diese Blase Europa auf der Kruste. Ein grün-brauner Fleck in Form eines Krakenmagens, über dem angeblich soeben die Sonne verschwand. Klein, dieser Krustenbewuchs, wie eine der Sojapaste-Glückskugeln, die man nur noch aus nostalgischen Gründen produzierte und in den Schaukästen der Bäckereien neben chinesischen Porno-Porzellanfiguren ausstellte. Auch hier, zwischen den Automaten, war es eng, die Gänge schachtelten sich umeinander wie in einem Labyrinth. In den Schaukästen an den Wänden schillerten Insekten grün, rot, blauschwarz; ihre riesigen Greifer und Scheren sahen noch unter den Gläsern scharf wie japanische Messer aus. Schwarze, nur an den Rändern mit dunkelblauen oder orangen Coronen leuchtende Käfer-Sonnen, die zu Millionen jahrelang unsichtbar im Erdboden krochen.
Sie schauten sich an und wunderten sich über ihre europäischen Augenlider, die angesichts der vielen durch Operationen europäisierten japanischen Augenlider nicht mehr wie europäische, sondern wie nachgemachte europäische Augenlider aussahen. Schnell klebten sie eines der Tokio 2000 Abziehfotos neben den Lifteingang, sausten, mit Magen-Gen-Veränderungswünschen erzeugender Geschwindigkeit durch den gesamten Kosmos nach unten. Die Sonnenfinsternis war bestens zu sehen gewesen, doch zweifellos würde das Bildchen da, wo es war, nicht lange bleiben.