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Marcel Beyer
 

 

 

25.5.1999


 

 

Als Kinder haben wir oft auf einem Gelände gespielt, das in unserem Viertel am Stadtrand unter dem Namen Schanze, genauer Alte Schanze bekannt war: Ein an den Seiten von Pappeln oder Birken gesäumter Rasenplatz inmitten eines Kiefernwäldchens, durch wild gewachsene Sträucher gerade ausreichend unübersichtlich gemacht, daß wir uns dort zugleich verstecken und das gesamte Gelände unter Beobachtung halten konnten. Den Namen hat die Alte Schanze aber wohl kaum darum, weil sie gute Eignung zum Verschanzen bot – vielmehr soll es sich bei ihr früher um einen Übungsplatz für Scharfschützen der Wehrmacht gehandelt haben.
Wohin allerdings von dieser Schanze aus die Schüsse gerichtet sein sollen, ist immer unklar geblieben: Während auf der Rückseite eine schon Anfang der dreißiger Jahre errichtete Wohnsiedlung liegt, geht der Blick vorn auf ein Tal, wo sich seinerzeit – als wir dort oben spielten – eine ausgedehnte Fabrikanlage für Maschinen, Munition, möglicherweise sogar für schwere Geschütze erstreckte, in der – soweit wir wußten – einmal auch unsere Eltern gearbeitet hatten. So wenig aber, wie sie ihre Pappkameraden und Kugelfänge (für die es keine Anhaltspunkte gab – stattdessen aber fanden sich umso häufiger Patronenhülsen, selbst jüngeren Datums, im Gelände) gegen die Einfamilienhäuser aufgebaut haben werden, werden die Scharfschützen über den Steilhang der Alten Schanze hinweg ins Tal geschossen haben, auf die Gefahr hin, Lager, Fertigungshallen und Eisenbahnanlagen zu treffen.
Auch wenn die Alte Schanze in den Karten heute immer noch unter diesem Namen eingetragen wird, auch wenn das Gebiet nach wie vor so aussehen mag, wie wir es gekannt haben, so erinnert doch nichts mehr daran: An unsere Aufenthalte dort, manchmal bis lang nach Einbruch der Dunkelheit, wo wir die Nachbarskinder, Fremde malträtierten, wo wir, in den am Weg aufgestellten öffentlichen Papierkörben, vielleicht sogar das eine oder andere Heftchen fanden, zumindest einzelne Blätter, aus dem – sofern es einen solchen denn gegeben haben sollte – Zusammenhang gerissen, herausgerissen und zerknüllt, und von uns (mit leichtem Widerwillen bei der Berührung mit dem Papier, das ein Fremder am Kiosk oder in einem auf derartige Artikel spezialisierten Geschäft erworben hatte) wieder glatt gestrichen.