Wie ich einmal dem Landeshauptmann und Kulturreferenten von Kärnten fast die Hand gegeben hätte
Stefan Beuse

 

 

 

Klagenfurt, 27.6.1999


 

 

Lieber Thomas!
Heute war vielleicht ein aufregender Tag! Erst habe ich beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Preis des Landes Kärnten gewonnen, und dann hätte ich fast dem Herrn Doktor Haider persönlich noch die Hand gegeben!
Und das kam so: Der Herr Doktor Haider ist ja so eine Art Vater von den ganzen Autoren, die da in seinem Land lesen. Bestimmt ist er ganz stolz darauf, daß für ein paar Tage so viel Literatur in seinem Österreich ist und das Fernsehen das alles überträgt und so. Das hat man auch daran gemerkt, daß der Herr Doktor Haider mit ganz vielen Freunden zur Eröffnungsveranstaltung gekommen ist und sich sogar in die erste Reihe gesetzt hat. Er hatte sich extra seinen schicksten Anzug angezogen und sich ordentlich gekämmt. Seine Freunde saßen neben ihm und hinter ihm und haben böse geguckt, damit niemand den Herrn Doktor Haider was fragt. Er wollte sich ganz auf die Reden konzentrieren, die zur Eröffnung des Lesewettbewerbs gehalten wurden. Ich glaube, er hat die ganze Zeit darauf gewartet, daß man seinen Namen sagt, damit er aufstehen kann und lächeln und sich in die Kamera verbeugen. Aber es hat niemand seinen Namen gesagt. Nur einmal hat einer "Der Herr Landeshauptmann" gesagt, aber da hat der Herr Doktor Haider wohl vor lauter Aufregung vergessen, daß er das ja ist, oder er hat nicht schnell genug reagiert. Jedenfalls ist er nicht aufgestanden, und als alle fertig gesprochen haben, ist er ganz schnell weggegangen. Ich glaube, der Herr Doktor Haider war ein bißchen beleidigt, und da habe ich mir vorgenommen, ihn zu trösten, wenn ich seinen Preis gewinnen sollte. Die anderen haben das nicht verstanden. Die fanden den Herrn Doktor Haider doof und haben gesagt, sie wollen keinen Preis von ihm, aber ich finde ihn nett. Er hatte sich extra so einen schönen Anzug angezogen, und ich will nicht, daß er traurig ist.
Die anderen haben ganz gemeine Sachen über den Herrn Doktor Haider gesagt. Sie haben gesagt, daß er uns weghaben will aus seinem Kärnten, uns und auch noch andere Leute, die nicht aussehen wie Kärntner und nicht Grüß Gott und Küß die Hand sagen können und nicht so gerne Topfenpalatschinken und Dampfnudeln und Kaiserschmarren essen sondern lieber Döner. Aber ich glaube, die gehen schon von alleine weg aus seinem Kärnten, denn in der ganzen Zeit habe ich nicht einen Dönerladen in Klagenfurt gesehen.
Jedenfalls dachte ich, daß der Herr Doktor Haider noch mal wiederkommt, wenn ihm die Texte gut gefallen. Aber die Texte haben dann von so ekligen Sachen gehandelt wie Milben und Durchfall und Blut, und da kann ich den Herrn Doktor Haider gut verstehen. Ich wollte auch nicht mit so einem schönen Anzug im Publikum sitzen und mir Durchfallgeschichten anhören.
Mein Text hat nicht von Durchfall gehandelt, und deswegen habe ich vielleicht seinen Preis gewonnen. Mann, war das aufregend! Aber der Herr Doktor Haider ist trotzdem nicht selbst gekommen, um mir den Preis zu geben. Nur so ein komischer Blonder mit Schnauzbart, und der hat mich dann ganz seltsam angeguckt und gesagt "Im Namen des Landeshauptmannes Doktor Jörg Haider", aber er hat sich gar nicht gefreut und mich angeguckt, als ob ich gerne Döner essen würde. Aber das lag vielleicht daran, daß ich mich nicht ordentlich gekämmt hatte und nicht so einen schönen Anzug trug wie er.
Dann habe ich auf die Urkunde geguckt und gesehen, daß mir der Herr Landeshauptmann persönlich ein Autogramm darauf geschrieben hat. Mann, war ich stolz! Sofort habe ich es den anderen gezeigt, aber die haben sich gar nicht richtig gefreut und haben gesagt, daß ich jetzt in der Zeitung schreiben muß, daß ich den Herrn Doktor Haider ganz doof finde oder das ganze Geld einer wohltätigen Organisation spenden muß. Ich will das Geld aber keiner wohltätigen Organisation spenden. Ich kann das Geld selber gut gebrauchen. Also habe ich einen Zettel genommen und draufgeschrieben, daß ich den Herrn Landeshauptmann Doktor Jörg Haider total scheiße finde. Den Zettel hab ich dann einer Zeitung gegeben, und die Zeitung hat draufgeguckt und mit den Achseln gezuckt. Aber so ist das eben in Klagenfurt. Immer wird man falsch verstanden, und am Flughafen spielen sie dann doch wieder Phil Collins.