Lachen
Stefan Beuse
 

 

 

14.6.1999


 

 

Ihr Onkel liegt da wie eine Larve, umhüllt von Mull und Verbänden, und ihr Vater kann nicht aufhören, Witze darüber zu machen; er schüttelt sich aus vor Lachen, und ihr Onkel kann nichts anderes tun als mitlachen; er liegt da, in seinem Korsett, in dem ganzen weißen Zeug, das ihn umgibt, nur sein Kopf schaut heraus, und niemand weiß, ob die Tränen, die über sein Gesicht laufen, vom Lachen kommen oder vom Schmerz; ihr Onkel hat einen Lungenriß, und Lachen ist das Dümmste, was man mit einem Lungenriß tun kann, aber er hat keine Wahl; sein Bruder reißt eine Posse nach der anderen und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, und er kann nicht wischen, weil seine Hände verbunden sind; die Tränen ihres Onkels laufen in schmalen Rinnsalen aufs Krankenhauskopfkissen; sie tritt auf ihn zu und versucht, in seinem Lachen etwas zu erkennen, einen Hilfeschrei, irgend etwas; sie sieht ihren Vater an und will, daß er aufhört, ihren Onkel zum Lachen zu bringen, weil selbst das Atmen ihn schmerzt, wie er sagt; er sagt, es zerreißt ihn fast, zu atmen, aber sie hört aus seinem Lachen nichts heraus, keinen Schmerz, kein Vergnügen, es ist das Lachen einer Maschine, und es gibt keinen Ort darin, an dem sie sich niederlassen möchte.