Das rote Adressbuch
Stefan Beuse
 

 

 

17.5.1999


 

 

Auf der untersten Stufe unseres Treppenhauses finde ich morgens ein rotes Adressbuch. Es sieht aus, als wäre es jemandem aus der Hosentasche gefallen; die Form ähnelt einer Halfpipe, und das Kunstleder ist speckig und voller Tintenflecke. Es sieht aus wie das Adressbuch eines Menschen, dem nie langweilig ist, weil er immer jemanden weiß, den er anrufen kann.
Ich sehe mich schnell um, dann bücke ich mich und nehme das Buch in die Hand. Das Register ist fledderig; besonders unter den Buchstaben L, N und U scheint es viele Einträge zu geben. Ich gehe ein paar Schritte auf die Briefkästen zu, dann schlage ich die erste Seite auf. Links oben, auf der Rückseite des Einbands, steht eine mit Füller geschriebene Adresse: Margit Lehmann, Methfesselstrasse 14. Telefon: 17 34 12. Keine Bewohnerin aus dem Haus also, auf den Briefkästen finde ich keine Margit Lehmann. Wahrscheinlich hat sie jemanden besucht, denke ich, und: bestimmt finde ich den Namen in dem Buch, dann werfe ich es in den Kasten, und alles kommt wieder in Ordnung.
Ich beginne also, in dem roten Adressbuch zu blättern und stelle fest, daß die ersten Seiten leer sind. Ich erreiche B, aber auch dort ist kein Eintrag. Ich blättere immer schneller, lasse die Seiten schließlich unter meinem Daumen fliegen wie Spielkarten, F, G, H, aber die Seiten des gesamten Buches sind leer. Nur unter D blitzt etwas Blaues. Ich blättere zurück und lese oben auf der Seite: Margit Lehmann, Methfesselstrasse 14. Telefon: 17 34 12.
Das Buch gleitet hinten in meine Hosentasche, es paßt sich exakt der Form meines Gesäßes an, und ich laufe über die Wiese zur nächsten Telefonzelle. Nachdem ich den Hörer abgehoben und meine Chipkarte eingesteckt habe, wähle ich die Nummer von Margit Lehmann. Sofort nach dem ersten Klingeln hebt sie ab, aber sie sagt nichts. Ich höre nur ihr Atmen und irgendetwas im Hintergrund, das wie das Geräusch eines Kanarienvogels klingt. Ich stelle mir vor, wie sie in der Küche sitzt, die Haare nach hinten gebunden, mit einer Packung Vogelfutter in der Hand, und fahre mit dem Zeigefinger langsam über ihren Namen, von links nach rechts; ich denke an all die Telefongespräche, die sie nie geführt hat und höre noch einen Moment ihrem Atmen zu, dann lasse ich den Hörer fallen und spüre, wie mir die Hitze draußen die Luft nimmt. Ohne, daß ich es gemerkt hätte, ist es Mai geworden.