Im Nebel
Stefan Beuse
 

 

 

10.5.1999


 

 

Von weitem sind vier Personen zu erkennen. Ich weiß nicht, ob sie dabei ist. Sie rauchen und bilden einen Kreis und beugen sich zueinander, aber es sieht nicht so aus, als würden sie sich unterhalten. Es sind vier gebeugte Gestalten im Nebel, die einen Kreis bilden und rauchen, und manchmal beschreibt einer von ihnen mit dem Fuß eine Figur auf den Boden, die nicht aussieht als hätte sie irgendeine Bedeutung. Sie reden nicht, und sie zeichnen mit ihren Schuhspitzen keine Pläne: Sie machen die Bewegungen von Leuten, die zusammenstehen und sich nichts zu sagen haben. Es ist kalt, und niemandem von den Vieren fällt etwas ein. Sie sind einfach da und rauchen und scharren mit den Füßen Zeichen in die Erde, die keiner versteht.
Ich bin jetzt etwa zehn Schritte von ihnen entfernt und kann immer noch nichts erkennen. Ich sehe nur ihre Umrisse, die sich schwarz durch den Nebel zeichnen wie Scherenschnitte hinter Milchglas. Da niemand etwas sagt, ist es eigentlich unmöglich auszumachen, ob Frauen dabei sind, aber ich glaube, es ist keine Frau unter ihnen. Die vier stehen auf eine Art zusammen, die erkennen läßt, daß es ihnen darum nicht geht. Sie sehen nicht aus wie Wartende. Sie sehen aus wie Stehende, die nichts anderes zu tun haben als zu stehen, und mein Schritt wird schneller, als ich merke, daß ich an ihnen vorbei gehen könnte, ohne daß sie Notiz von mir nähmen. Sicher, ich gehe einfach vorbei und schaue kurz hoch, das wird niemand bemerken. Sie sind viel zu sehr in das vertieft, was sie tun; stehen und rauchen und nicht warten.
Mir ist plötzlich ganz leicht zumute, als ich näher komme; schließlich habe ich nichts mit ihnen zu schaffen. Ich will mich nur vergewissern, daß sie nicht bei ihnen steht. Ich werde vorbeigehen und mich nicht umdrehen.
Als ich sie fast erreicht habe, bewegen sie sich wie auf Kommando. Es ist eine gespenstische Bewegung, die gleichzeitig ein Drehen und ein Auseinanderdriften ist. Die Gruppe hat sich auf einmal so formiert, daß ich genau auf sie zulaufe, und es ist zu spät, meine Richtung zu ändern. Wenn ich das täte, wäre das ein Eingeständnis, auf das sie gewartet haben, das Eingeständnis einer Absicht.
Ich lasse mich also ohne Gegenwehr in die Lücke ziehen, spüre Arme, die sich in meine haken, und wage es nicht, aufzusehen. Sie warten, bis auch ich den Kopf schief lege und mit meiner Schuhspitze Zeichen in den Sand male, dann lassen sie los.
Nach einer Zeit, für die ich kein Gefühl mehr habe, hebe ich den Kopf und sehe vorsichtig nach links, nach vorn, dann nach rechts, aber es hilft nichts; ich sehe immer nur Krägen und Kapuzen und den Atem, der aus ihren Mündern kommt. Jeder hat seinen Kopf so gedreht, daß ihm kein anderer ins Gesicht sehen kann, und plötzlich weiß ich nicht mehr, ob ich überhaupt gezogen worden bin oder ob ich mich freiwillig in die Lücke gestellt habe, aber das ist jetzt egal. Ich gehöre jetzt zu ihnen. Ich stehe jetzt hier und rauche und scharre und warte nicht.